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Seniorenticket für 365 Euro : Die Alten erobern den Nahverkehr

Verkaufsstart: Das Seniorenticket ist bereits an Verkaufsstellen des RMV erhältlich, gilt jedoch ab 1. Januar 2020. Bild: Wolfgang Eilmes

Vom 1. Januar an können Senioren mit der neuen Jahreskarte für 365 Euro durch ganz Hessen fahren. Jetzt ist der Verkauf angelaufen.

          3 Min.

          Bisher hat Rudolf Wittern immer einen Einzelfahrschein oder eine Tageskarte gekauft, wenn er mit der S-Bahn von Mühlheim nach Frankfurt fahren wollte. Damit hat es jetzt ein Ende. Künftig wird er kein Ticket mehr am Automaten ziehen – auch dann nicht, wenn er nicht in die Mainmetropole, sondern zum Beispiel nach Kassel oder an die Bergstraße fahren will. Denn Wittern will sich das neue Seniorenticket kaufen, das zum Preis von 365 Euro ein Jahr lang für Busse und Bahnen in ganz Hessen gültig ist.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wenn einer ein Anrecht hat auf die neue Jahreskarte hat, dann ist es Wittern. Schließlich ist er 80 Jahre alt – was ihm allerdings nicht ansieht. Gestern Morgen plauderte er mit dem „gerade einmal“ 69 Jahre alten Karlheinz Eckhardt aus Sachsenhausen vor dem Zoo-Gesellschaftshaus über das neue Flatrate-Angebot für Hessen, die 65 Jahre oder älter sind. Auf so ein Ticket hätten sie gewartet, sagen die beiden. „Da können wir die Umgebung kennenlernen.“

          1,3 Millionen Hessen als potentielle Nutzer

          Wittern und Eckhardt sind zusammen mit 200 anderen Senioren von den städtischen Verkehrsgesellschaften Traffiq und VGF zu einer Rundfahrt mit der Straßenbahn durch die Stadt eingeladen worden. Der Clou: Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) saß am Steuer der Tram. Das Stadtoberhaupt, das sich als Aufsichtsratsvorsitzender des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV) schon lange für ein Flatrate-Ticket für Senioren stark gemacht hatte, nutzte die Gelegenheit, um beim Verkaufsstart zusammen mit RMV-Chef Knut Ringat für das neue Angebot zu werben.

          Die 365-Euro-Regelung tritt am 1. Januar in Kraft. Etwa 1,3 Millionen Hessen sind nach Angaben von Ringat theoretisch berechtigt, ein solches Jahresticket zu kaufen und zu nutzen. Am Automaten ist die neue Karte allerdings noch nicht zu bekommen, Interessenten müssen es bei einer Verkaufsstelle unter Vorlage ihres Ausweises erwerben, in Frankfurt zum Beispiel an der Konstablerwache und an der Hauptwache. Dabei muss das Seniorenticket nicht vom 1. Januar an gültig sein, es kann auch von jedem anderen Monatsbeginn an für ein Jahr gelten. Wer möchte, kann den Preis auch in zwölf Monatsraten entrichten.

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          Lüddy Reichard aus Fechenheim ist von dem Angebot weitgehend, aber wie sie sagt, noch nicht zu hundert Prozent überzeugt. Ihre Tochter, von der die Sechsundachtzigjährige häufig mit dem Auto mitgenommen wird, rät der Mutter dringend zum Kauf. Sie selbst werde das Seniorenticket sofort kaufen, wenn sie alt genug sei. Den Preis von 365 Euro findet auf jeden Fall auch die alte Dame gut. „Endlich wird auch mal etwas für die Älteren getan“, sagt sie.

          Komfort-Variante für 624 Euro erhältlich

          Das 365-Euro-Ticket ist eine Sparversion des bestehenden Plus-Seniorentickets. Es gilt nicht in der morgendlichen Hauptverkehrszeit, sondern erst von 9 Uhr an, dann aber den ganzen Tag und die ganze Nacht. Wer rund um die Uhr fahren möchte, kann sich für 624 Euro eine Komfort-Variante des Seniorentickets zulegen. Mit dieser Karte darf ein Inhaber zudem in der ersten Klasse fahren und am Wochenende und an Feiertagen eine Person mitnehmen sowie beliebig viele Kindern unter 15 Jahren.

          Auch diese Variante des Seniorentickets kommt gut an, etwa 100.000 Kunden haben das Angebot im vergangenen Jahr wahrgenommen. Mit dem 365-Euro-Seniorenticket will der RMV nun aber einen ganz neuen Kundenkreis erschließen, der bisher eher selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren ist. „Wir sind alle mit dem Auto aufgewachsen“, rief Ringat, der selbst im 59. Lebensjahr steht, gestern den Senioren vor dem Zoo-Gesellschaftshaus zu: „Jetzt können Sie den öffentlichen Nahverkehr erobern.“

          Walter Schlüter aus Berkersheim ist dazu wild entschlossen. Er ist in der Tanzszene tätig und viel unterwegs. Bisher allerdings nur mit Einzelfahrscheinen und Tageskarten. Jetzt will sich der Neunundsechzigjährige ein 365-Euro-Seniorenticket kaufen. Vor allem freut es ihn, dass er damit auch nach Mainz fahren kann, denn dort hat er in den nächsten Monaten öfters zu tun.

          Oberbürgermeister Feldmann will es allerdings nicht bei dem Seniorenticket für einen Euro am Tag belassen. Er wünscht sich ein 365-Euro-Ticket für alle. Seine Hoffnung ruht darauf, dass das Verbundgebiet des RMV von der Bundesregierung als Modellregion für ein solches Flatrate-Ticket ausgewiesen wird. Sprach’s und setzte sich dann an das Steuer der Straßenbahn, um die Senioren sicher zum Römer zu bringen. Neben ihm stand sein Fahrlehrer, bei der er den Tram-Führerschein gemacht hat.

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