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Seele der Partei : Die letzte Instanz

Der Hessische Landtag in Wiesbaden: Der Ort, an dem sich die Parteiseelen treffen? Bild: Frank Röth

Die Seele der Partei ist unsichtbar. Ihre Existenz lässt sich nicht beweisen. Gibt es sie überhaupt? Eine Spurensuche

          Nutzt die SPD, um das Leben zu leben, das ihr euch erträumt“, ruft Andrea Nahles den Delegierten des Bundesparteitages in Wiesbaden zu. „Hier ist der Ort, das zu tun.“ 650 Genossen haben sich zusammengefunden, um eine neue Vorsitzende zu wählen. Von einem historischen Moment ist die Rede. Zum ersten Mal in der Geschichte der ältesten Partei Deutschlands übernimmt eine Frau die Führung. Die erzählt, wie sie vor dreißig Jahren als Arbeiterkind in die SPD eintrat. Ihren Eltern und ihrer Partei habe sie alles zu verdanken, konstatiert die Siebenundvierzigjährige. Dann wendet sie sich direkt an ihre eigens aus der Eifel angereiste, im Plenum sitzende Mutter: „Hallo Mama.“ Auf solche Passagen verwenden die Redenschreiber die größte Mühe. Wenn es gelingt, die Zuhörer emotional zu packen, hat dies einen viel größeren Effekt als die besten rationalen Argumente.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Doch an diesem Sonntag im April springt der Funke offensichtlich nicht über. Der Applaus ist höflich, aber kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rednerin und die Partei mit sich nicht im Reinen sind. Obwohl die Gegenkandidatin schwach ist, wird Nahles nur mit zwei Drittel der Stimmen zur Vorsitzenden gewählt. Später heißt es, sie habe die „Seele der Partei“ nicht erreicht. Was darunter zu verstehen ist, klärt auch der bekannteste Text nicht, in dem der Begriff auftaucht. Im Dezember 1999 stürzt die damalige Generalsekretärin der CDU, Angela Merkel, den Patriarchen Helmut Kohl wegen des Parteispendenskandals vom Sockel. Wie ein Fremdkörper findet sich in dem in dieser Zeitung erschienenen Aufsatz unvermittelt der Satz: „Die Partei hat eine Seele.“ Die Naturwissenschaftlerin kann mit dem Begriff offensichtlich nichts anfangen. Er meint im allgemeinen Sprachgebrauch das Gegenteil des Physischen, nämlich die Psyche, das Denken und Fühlen des Menschen.

          Kramp-Karrenbauers Rede ähnelte Nahles’ Vortrag

          Dass auch die CDU eine Seele besitze, habe sich gerade erst auf einem Parteitag gezeigt, meint Michael Boddenberg, der Fraktionschef der Union im Hessischen Landtag. Ende Februar bewarb sich die damalige saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer um das Amt der Generalsekretärin ihrer Bundespartei. In wichtigen Passagen ähnelt ihre Rede Nahles’ Vortrag. „Alles was ich in meinem Leben politisch erreicht habe, habe ich dieser Partei zu verdanken“, konstatierte die Fünfundfünfzigjährige. „Es ist an der Zeit, etwas zurückzugeben.“

          Wie Nahles, so erzählte auch Kramp-Karrenbauer von ihrem Eintritt in die Partei. Damals, vor knapp vierzig Jahren, habe sie sich keine großen intellektuellen Gedanken gemacht. „Es war eine Entscheidung aus dem Herzen und aus dem Bauchgefühl heraus.“ Auch der Nachwuchsorganisation der CDU hat sie einst angehört. „Mein Gott, ich bin nicht in die Junge Union gegangen, um meinem Landesvorsitzenden zuzujubeln, sondern um ihm Feuer unterm Hintern zu machen.“

          Parteivolk nimmt Unterschiede sehr genau wahr

          Die Formulierung, die in Begeisterungsstürmen unterging, hätte auch von der Sozialdemokratin stammen können. Dass ihr die große Zustimmung, um die sie geworben hatte, verwehrt blieb, hängt mit der Vorgeschichte des SPD-Parteitages zusammen. Nach dem Rücktritt des unglücklichen Vorsitzenden Martin Schulz hatte Nahles ihren Ehrgeiz nicht im Zaum halten können und umgehend kommissarisch an die Spitze der Partei treten wollen. Das verhinderten mehrere Landesverbände, sodass Nahles sich wenigstens bis zu dem Sonderparteitag gedulden musste, um auf ihrer Karriereleiter wieder ein Stück noch oben zu klettern.

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