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: Die Rückkehr des verstoßenen Sohnes

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GELSENKIRCHEN. Wenn ein Fußballspieler zum ersten Mal nach einem Vereinswechsel an seine frühere Wirkungsstätte zurückkehrt, erwartet ihn zumeist die Frage, ob es ein besonderes Spiel für ihn sei. Oft antwortet der Profi dann, er ...

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          GELSENKIRCHEN. Wenn ein Fußballspieler zum ersten Mal nach einem Vereinswechsel an seine frühere Wirkungsstätte zurückkehrt, erwartet ihn zumeist die Frage, ob es ein besonderes Spiel für ihn sei. Oft antwortet der Profi dann, er fühle sich der Heimat noch verbunden, er freue sich auf das Wiedersehen mit alten Freunden, und überhaupt: Es gehe wie in jeder anderen Partie nur um drei Punkte. Bei Jermaine Jones ist es anders. Niemand käme auf die Idee, ihn so etwas zu fragen. Die Antwort steht längst fest. Natürlich wird die Rückkehr nach Frankfurt für den ehemaligen Eintracht-Kapitän, der jetzt für Schalke kickt, ein besonderes Spiel - ein besonders unangenehmes, wie die Frankfurter Fans hoffen. Sie haben, ganz unverblümt, angekündigt, Jones im Stadion die Hölle auf Erden zu bereiten. "Wir werden ihn gebührend empfangen, das heißt mit einem Pfeifkonzert, das sicher nicht mit Spielbeginn beendet sein wir", sagt Andreas Hornung, Fan-Betreuer der Eintracht.

          Zudem würden die Anhänger in Wort und Schrift ihre Meinung über Jones zum Ausdruck bringen. "Für ihn wird es ein bisschen sein wie die Hölle." Jones behauptet, keine Angst davor zu haben. Er habe mit der Eintracht abgeschlossen - mit dem Klub, bei dem er einst Publikumsliebling, Hoffnungsträger und schließlich sogar Kapitän war. Ob die Fans ihn auspfeifen oder beschimpfen, sei ihm egal. Letztlich seien die Pöbeleien eine Art, ihm nachzutrauern. Jones kehrt an diesem Samstag nicht als verlorener, sondern als verstoßener Sohn zurück in seine Heimatstadt. Das Wiedersehen wird das nächste Kapitel der Geschichte einer Liebe, die in Hass umgeschlagen ist. Die Anhänger, die ihn einst verehrten, tragen Jones nicht nur den Wechsel nach Schalke nach, sondern vor allem die Art, wie er den Verein hingehalten und die Gefühle der Fans verletzt habe. Jones, der in Leverkusen schon einmal gescheitert war, begriff die Offerte aus Gelsenkirchen als die Chance seines (beruflichen) Lebens, fast so, als hätte der FC Bayern ihm ein Angebot gemacht, wie er sagt.

          Mehr Geld zu verdienen und in der Champions League zu spielen: "Was ist daran verwerflich?", fragt Jones. Als der Wechsel bekannt wurde, versuchte er im Internetforum der Eintracht unter dem Nickname "JermaineJuniorJones" seinen Standpunkt zu erläutern. Er verwahrte sich gegen den Vorwurf, ein abgekartetes Spiel getrieben und den Klub über Gebühr lange hingehalten zu haben. Doch die Fans glaubten ihm nicht, ihre Abscheu wurde eher noch größer. Jones war in die Schublade des "Judas" gerutscht wie einst Andreas Möller. Auf eine Begnadigung darf er in nächster Zeit nicht hoffen. Jones hält das für unfair, aber er findet sich damit ab. Er habe sich für die Eintracht lange den Hintern aufgerissen und zuweilen seine Gesundheit riskiert, sagt der 26 Jahre alte Mittelfeldspieler. "Aber das honorieren die Leute nicht, es gibt keine Gerechtigkeit." Jüngst war in Frankfurter Fankreisen und in manchen Medien sogar darüber spekuliert worden, ob Jones sich vor der Rückkehr drücken werde. Er werde sich vielleicht die fünfte Gelbe Karte abholen oder kurzfristig wegen Verletzung oder Krankheit absagen. Seiner Verabschiedung beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison war Jones ferngeblieben. "Ich hatte keine Lust, mich von fünfzigtausend Zuschauern auspfeifen zu lassen." An diesem Samstag aber hat er Lust darauf. Wer so viel erlitten hat wie dieser Langzeitpatient nach einer komplizierten Schienbeinverletzung, der kneift nicht, weil ein paar tausend Menschen krakeelen. Aufgewachsen im Stadtteil Bonames, einem sozialen Brennpunkt, als junger Profi hoch geflogen und infolge diverser Verletzungen tief gefallen, war Jones oft in der Defensive - nicht nur auf dem Fußballplatz.

          Auch nach Schalke hatte ihn der Ruf begleitet, er habe Glasknochen und werde vielleicht nie mehr richtig auf die Beine kommen. Im Frühjahr traute nicht einmal der Mannschaftsarzt (er hat den Klub inzwischen verlassen) dem Ankömmling ein nachhaltiges Comeback zu. Doch Jones widerlegte die Zweifler. Als seine Kollegen noch Urlaub machten, schuftete er schon im Reha-Zentrum des FC Schalke. Medizinisch und sportlich gut beraten, brachte er die nötige Geduld auf - anders als in Frankfurt, wo er "nach Verletzungen immer wieder zu früh auf den Platz gegangen" war. Binnen weniger Monate arbeitete Jones sich bei seinem neuen Arbeitgeber zum Leistungsträger empor - und ins Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft. Auch wenn Bundestrainer Löw ihn wegen einer Blessur wieder streichen musste, kann Jones von sich behaupten, "es allen gezeigt" zu haben. Was immer vorgefallen sein mag: Jermaine Jones fürchtet sich nicht, auch nicht vor der Hölle in der Heimat. RICHARD LEIPOLD

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