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Performance „Damengedeck“ : Die Zukunft ist weiblich

Frauenpower zwischen Utopie und Scherz: Das Team vom „Damengedeck“ Bild: Rolf Oeser

Die Performance „Damengedeck“ betreibt heitere Verständigung zwischen Wohnstift und Mousonturm. Die Schauspielerinnen erschaffen im kämpferisch-feministischen Kontext die Utopie einer weiblichen Regierung.

          Egal, was wir tun – im Jahr 2021 wird eine neue Ära beginnen. Dann wird eine Regierung ihre Arbeit aufnehmen, die sich darauf in Jahren der Studien, Debatten, Analysen vorbereitet hat. Wie sie aussehen wird, die neue Regierung? In jedem Fall weiblich. Den Rest haben die Besucher von „Damengedeck“ selbst mit in der Hand. Am Ende sitzen sie im Festsaal des GDA-Wohnstifts am Frankfurter Zoo, nippen am bereitgestellten Wasser und schreiben Vorschläge nieder, bis die Sanduhr abgelaufen ist.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und wenn am Ende die Damenriege einen nur ein bisschen schlichten kämpferisch-feministischen Text über die amtierende Europahymne legt, müssten wir eigentlich noch viel, viel länger weiter diskutieren. Darüber, wie wir leben wollen. Wie wir, in einer gemischten, tatsächlich multikulturellen Gesellschaft Gemeinschaft stiften, ein soziales Auseinanderdriften verhindern, Diskussionen anregen, alle anhören und einschließen wollen. Was Triggerwörter wie „Parität“, „Wohlstand“, „Feminismus“ oder „Rassismus“ dann bedeuten oder nicht mehr bedeuten.

          Eine weibliche Regierungsform

          Der Weg in eine weibliche Regierungsform dürfte also eher über das laufen, was die beiden Regisseurinnen und Performerinnen Ruby Behrmann und Liliane Koch, beide Absolventinnen der Gießener Angewandten Theaterwissenschaften, nun quasi als exemplarisches Kunstwerk zusammen mit einer Gruppe älterer Damen, Bewohnerinnen des Seniorenstifts, angezettelt haben – als Koproduktion mit dem benachbarten Mousonturm. In den 90 Minuten Rundgang durch ein fiktives Institut, das Frauen- und Generationsfragen erforscht, lernt das Publikum von „Damengedeck“ einige Bewohnerinnen kennen. Und, auch das ein gewisser Reiz, so mancher im Rundgang wird das erste Mal ein Seniorenheim der gehobenen Klasse besichtigen – zumindest dessen Verkehrsflächen. Dort leben 80 Prozent Frauen, die meisten allein, der Altersdurchschnitt liegt bei 85 Jahren. Wie, so die Ausgangsfrage der Show, sieht eine alternde Gesellschaft aus, in der diese Gruppe die Mehrheit bildet?

          Nun, wenn die alten Damen alle so gescheit, offen und vorurteilsfrei sind wie diejenigen, die sich in den Aufzeichnungen, Live-Szenen oder Kurzvorträgen von „Damengedeck“ äußern, kann ja alles nur besser werden. Erst recht, wenn zugewandtes, vorbehaltloses Interesse die Haltung der Performerinnen ebenso prägt wie diejenige der Zuschauer. Die beteiligten Frauen treten in nur vage angedeuteten Rollen als Forscherin, Präsidentin, Aktivistin des Instituts auf, das, gleich nach der Ära Merkel, die Regierung Frau einläuten wird. Wie die Gästeführerinnen Behrmann und Koch sanft futuristisch gewandet von Kostümbildnerin Theresa Mielich referieren sie, was sie mit dem Produktionsteam in biographischen Gesprächen, Diskussionen, Lektüren erarbeitet haben.

          Es geht um archäologisch fundierte Matriarchatsforschung, um exemplarische Biographien der Jahrgänge um 1930, etwa darum, wie diese Frauen 1968 und die Frauenbewegung erlebt haben. Ob sie sich als emanzipiert verstehen – und sie zeigen auch, wie schillernd die Begriffe sind und wie schwer es bisweilen ist, nicht allzu banal über komplexe Verhältnisse zu sprechen. Der fiktive Rahmen eines Institutsrundgangs trägt zwar nicht sehr weit, weil die Umdeutung des tatsächlichen Wohnstifts selten so spielerisch gelingt wie das erste Interview mit einer der zehn beteiligten Damen, die dem kichernden Publikum erst einmal genüsslich vorführt, wie cool sie den brustfreien Look des Popgeigers David Garrett findet. Sanfter Humor aber rettet auch die etwas langatmigen Stationen. Die Denkanstöße, das Miteinander aber, das funktioniert. Und so wünscht man sich, dieses generations- und geschlechterübergreifende „Damengedeck“ könnte auch in der Wirklichkeit funktionieren.

          Performance „Damengedeck“

          Weitere Vorstellungen von 1. bis 3. März jeweils um 19 Uhr, Beginn im Frankfurter Mousonturm, die Platzzahl ist begrenzt.

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