https://www.faz.net/-gzg-9ttah

Perspektivwechsel : Der Weg zur Selbstfindung

Die Odyssee aus einer anderen Perspektive: Die Oper „Pénélope“. Bild: Barbara Aumüller

Die Geschichte vom heimkehrenden Odysseus ist in Gabriel Faurés Oper „Pénélope“ aus der Perspektive der Frau des Helden erzählt. Die Regisseurin Corinna Tetzel glaubt, dass die beiden nicht so einfach wieder ein Paar werden können.

          2 Min.

          Nach dem Trojanischen Krieg und zwanzig Jahren Irrfahrt strandet Odysseus auf seiner Heimatinsel Ithaka, nähert sich als Bettler verkleidet seinem Königshof und findet seine Frau Penelope von Freiern umringt. Die auf Homers „Odyssee“ basierende Geschichte wird so meist aus der Sicht des Heimkehrers erzählt und ist schon sehr früh von Claudio Monteverdi unter dem Titel „Il ritorno d’Ulisse in patria“ 1640 für das Musiktheater erschlossen worden. In der viel weniger bekannten, 1913 uraufgeführten und in Deutschland erst 2002 erstmals gespielten Oper „Pénélope“ von Gabriel Fauré deutet hingegen schon der Titel einen Perspektivwechsel an. Der junge Librettist René Fauchois bearbeitete den Stoff schließlich auf Anregung der an der Titelpartie interessierten Sopranistin Lucienne Bréval, die dann Gabriel Fauré für die Komposition gewinnen konnte.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Fauré hatte zuvor vor allem kleinere Formen bedient, etwa mit Liedern und Kammermusik, und nur mit der Tragédie lyrique „Promethée“ ein großes, eher oratorisches als szenisch-dramatisches Werk geschaffen. Während er darin mit dem Titanen sozusagen die Tatkraft in Person in den Mittelpunkt stellte, geht es hier um das Gegenteil.

          „Dynamik des Wartens“

          Die Regisseurin Corinna Tetzel, in deren Inszenierung Faurés „Penelope“ nun am Sonntag, dem 1. Dezember,  in der Oper Frankfurt Premiere hat, spricht aber von einer „Dynamik des Wartens“: Pénélope sei das Ziel der Odyssee ihres Mannes, während sie selbst auch als Wartende zu neuen Ufern aufbrechen müsse, allerdings innerlich.

          Denn natürlich haben sich Odysseus und Penelope in zwanzig Jahren sehr verändert. Sie erkennt ihren Mann so in tieferem Sinne nicht. Die emotionalen Bindungen zwischen ihnen seien abgestorben, glaubt Tetzel. Nur als zwei neue Personen könnten sie sich finden, und es gebe in diesem Sinne eine „wunderbare Annäherung zwischen Fremden“ im zweiten Akt. Doch Penelope breche die Szene ab mit der Frage: „Warum ist er nicht zurückgekommen?“. Ihr Festhalten an Odysseus hat so aus Sicht der Regisseurin, die der Oper Frankfurt von 2011 bis 2017 als Regieassistentin verbunden war und im Bockenheimer Depot mehrfach inszeniert hat, auch etwas „Selbstzerstörerisches“.

          Penelope behaupte sich dabei mit Kraft und Weiblichkeit gegenüber ihren Freiern. Allerdings ist sie in ihre eigene List verstrickt: Sie hält die Freier unter der Vorgabe hin, erst das Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes fertig weben zu müssen und trennt die Handarbeit nachts heimlich immer wieder auf. In Tetzels Deutung hat Penelope am Ende indes „ein wunderschönes Kleid“ für sich selbst gewebt, das sie wie „ihre zweite Haut“ trage. Dabei soll am Schluss herauskommen, dass der Neubeginn für sie und Odysseus kein gemeinsamer sein könne und es keine Rückkehr in die alte „patriarchalische Situation“ gebe: „Jede Figur muss erst einmal zu sich selbst finden“, sagt Tetzel.

          Gespielt wird Pénélope von der irischen Mezzosopranistin Paula Murrihy, die von 2009 bis 2017 zum Ensemble der Oper Frankfurt gehörte und hier unter anderem als Bizets Carmen in Barrie Koskys ungewöhnlicher Neuinterpretation zu sehen war. In der Partie des Ulysse gibt der frankokanadische Tenor Eric Laporte sein Hausdebüt. Die Aufgabe, die lyrisch feine, beinahe antidramatische und farbenreich orchestrierte Musik Faurés zur Wirkung zu bringen, fällt Joana Mallwitz zu, die schon oft am Pult des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters zu erleben war. Vom Fachmagazin „Opernwelt“ ist die Nürnberger Generalmusikdirektorin kürzlich zur „Dirigentin des Jahres“ gekürt worden.

          Aufführungstermine „Pénélope“

          Aufführungen: 1. Dezember, 18 Uhr, Frankfurt, Oper, weitere Vorstellungen am 6., 11. und 15. Dezember sowie im Januar

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.