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„Die Marquise von O.“ : Die Spritzigkeit der Wiener Würstchen

  • -Aktualisiert am

Verfangen, aber stark: „Die Marquise von O.“ Bild: Lena Obst

Schaler Sieg der Bühne über die Erzählung: Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O.“ ist in Wiesbaden als Theaterstück zu sehen.

          3 Min.

          Das Publikum hat immer recht. Wenn es am Ende der Dramatisierung von Kleists Novelle „Die Marquise von O.“ die Schauspieler und die Regisseurin Ricarda Beilharz mit kräftigem Applaus belohnt, dann kann der Abend als gelungen verbucht werden. Tatsächlich vergehen die beinahe zwei Stunden in der Wiesbadener Wartburg wie im Flug. Gelächter und Zwischenapplaus machen unüberhörbar, dass sich niemand langweilt. Ein scheinbar verstaubter Klassiker der deutschen Literatur tänzelt mit staunenswerter Lebendigkeit über die Bühne.

          Von Anfang an macht Beilharz deutlich, dass sie die Selbstfindungs- und Emanzipationsgeschichte der Marquise, die während der Eroberung der Festung ihres Vater von einem gegnerischen Offizier gerettet wird und das Bewusstsein verliert, nur um von ihrem Retter vergewaltigt und geschwängert zu werden, als heiteren, burlesken Boulevardspaß zeigen will. Noch ehe die vier Darsteller den ersten Originalsatz von Kleist gesprochen haben, stehen sie vor einem aus Zeitungen zusammengeklebten Vorhang und können sich vor Lachen kaum retten, weil sie da etwas von „Spritzigkeit“ und „Wiener Würstchen“ lesen. Wie pubertäre Pennäler prusten sie schon beim Verb „kommen“ mit seiner ach so verruchten erotischen Doppeldeutigkeit los.

          Das Ungeheuerliche steckt auch in der Sprache

          Damit ist der Ton für die nächsten Stunden gesetzt. Beilharz legt gleichsam den Kern und Ausgangspunkt der Novelle bloß, die unter „Vermischtes“ stehende Suchanzeige der Marquise (Viola Pobitschka) nach dem Vater ihres Kindes, die man, ist man erst einmal heiter genug eingestimmt, durchaus als schlüpfrigen Witz lesen mag. Dass hier eine Frau ihr folgenschweres Schäferstündchen nicht wahrhaben will und sich in die schamlose Veröffentlichung ihrer Schmach rettet, ist ja so naheliegend, dass genau daraus der Konflikt der Marquise mit ihren zwischen Glauben und Irrewerden schwankenden Eltern (Hanns Jörg Krumpholz, Evelyn M. Faber) entsteht.

          Doch wie sich da eine Frau, der Ungeheuerliches widerfahren ist und die sich ihrer selbst und ihrer Erinnerung nicht mehr sicher sein kann, durch die kühne Tat der Zeitungsanzeige gleichsam neu erfindet und vom Diktat der Eltern und der Gesellschaft befreit, ist so grundstürzend wie die vielen unverhüllteren Gewalteruptionen in den anderen Prosa- und Bühnentexten Kleists. Und wie immer steckt bei ihm das Ungeheuerliche in der Sprache. In seinen vibrierenden Satzkaskaden presst er das Monströse mit dem Lieblichen, das Banale mit dem Existentiellen so zusammen, dass aus der Überspannung der Gegensätze die Bilder nur so sprudeln. Einer weiteren Bebilderung bedarf es im Grunde nicht.

          Galliger Humor

          An eben dieser Sprachgewalt scheitert der ironisierte Goldene-Blatt-Kleist von Ricarda Beilharz. Da die Darsteller stets den Originaltext sprechen, ist seine Kraft ununterbrochen präsent und überstrahlt die Grimassen und Pantomimen. In den wenigen Passagen, in denen Gegenwartssprache bewusst kontrastierend eingesetzt wird, vermisst man die Kleist-Magie schmerzlich, das banale Bühnengehampel wird offensichtlich. Besonders Rajko Geith als Graf muss sich mehr als einmal zum Deppen machen. Mit Augenrollen, einer Ohnmacht nach der anderen und jeder denkbaren Geste aus dem Stummfilmrepertoire feuern die vor Spiellust berstenden Schauspieler spaßige Breitseiten. Der Leerlauf der Bebilderung gipfelt im umständlich misslingenden Aufbau eines riesigen Papierschiffs, das der Marquise nach der Vertreibung aus dem Elternhaus als Zuflucht dienen soll. Hier und in den mit Mikrofonen gegen die allzu vordergründige Hintergrundmusik angebrüllten Passagen kapituliert Kleist dann doch, die hochdramatische Fabel wird vom Mief der Mätzchen erstickt.

          Ja, ist es denn etwa nicht erlaubt, den galligen Humor, den Kleist zwischen den Zeilen der Erzählung aufblitzen lässt, in eine Bühnenhandlung umzusetzen? Ist es nicht geradezu geboten, die kauzige Bärbeißigkeit des Obristen und seiner Gattin in melodramatischer Übertreibung bis an die Grenze der Karikatur zu treiben? Und muss nicht, um die Emanzipationsgeschichte aus dem Skandal herauszuschälen, die ganze Absurdität des bürgerlichen Ehr- und Sittlichkeitsgehabes satirisch zugespitzt werden? Gewiss, wenn es denn gelänge, wenn die ganze Unternehmung nur einen einzigen bedenkenswerten Aspekt offenlegte. Doch für die vielen in den feinen Verästelungen der Novelle verborgenen Themen und Nebenthemen interessiert sich diese Inszenierung nicht. Sie will die Schauwerte herauskitzeln und gefällt sich dabei in einer witzig-distanzierten Schlaubergerironie: Seht her, wie seltsam die Leute damals waren und was für unnötige Verwicklungen so eine kleine Missetat nach sich zog! Dieser so hoch unterhaltsam daherkommende Novellenabend ist ein schaler Theatersieg gegen Kleist. Das Vergnügen der Zuschauer ändert daran nichts.

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