https://www.faz.net/-gzg-8i36u

Niedrige Milchpreise : An Bio-Milch verdienen Bauern besser

Kampfpreise im Supermarkt: Milch ist so billig wie nie. Der Verbraucher hat die Wahl. Bild: dpa

Verbraucher wollen eine intakte Landwirtschaft mit glücklichen Kühen, kaufen aber gerne billig. Wegen der Milchkrise kommt der eine oder andere jetzt ins Grübeln: Welche Milch soll er kaufen?

          3 Min.

          Etwa drei Viertel der Verbraucher in Deutschland greifen beim Einkaufen zu billigen Handelsmarken. Im Moment haben sie es besonders gut. 46 Cent - das ist der Kampfpreis für den Liter konventionell hergestellter Vollmilch, den der Discounter Aldi auf dem Markt durchgesetzt hat. 46 Cent zahlt der Kunde auch für die Einstiegsmarken bei Penny, Rewe und Tegut in Frankfurt.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Überangebot an Milch lässt die Preise purzeln. Viele Bauern bringt diese Entwicklung in Existenznöte: Von den etwa 20 Cent je Liter, die viele Bauern noch von den Molkereien bekommen, können sie nicht mehr rentabel wirtschaften, wie es heißt. Betriebe stehen vor dem Aus. Das möchten Verbraucher natürlich nicht. Und so fällt der Blick auf die teurere Milch im Supermarktregal. Für Milch der Marken Schwälbchen, Bärenmarke, Weihenstephan und Berchtesgadener Land kann der Kunde leicht das Doppelte und Dreifache ausgeben. 99 Cent kostet der Liter Vollmilch der hessischen Molkerei Schwälbchen bei Rewe, 1,19 Euro der Liter Weihenstephan. Landliebe ist noch einmal zehn Cent teurer.

          „Ich hoffe, es kommt etwas an beim Bauern“

          Aber bringt die Markenmilch am Ende aber auch den Bauern mehr? Diese Frage ist für Kunden nur schwer zu beantworten. Die Landwirte werden von Molkereien bezahlt, die wiederum Lieferverträge mit Supermarktketten und anderen Unternehmen haben. Wie viel die Landwirte bekommen, steht nicht auf der Verpackung. Aus kartellrechtlichen Gründen dürften Molkereien nicht einmal die aktuellen Auszahlungspreise mitteilen, heißt es beim Milchindustrie-Verband in Berlin.

          Immerhin, der hessische Bio-Supermarktbetreiber Alnatura versucht es mit ein bisschen Transparenz. „Faire Preise für unsere Milchbauern“ ist auf der Verpackung im Kühlregal zu lesen; der Liter kostet dort 1,15 Euro. Eine Kundin bei Tegut greift genau aus dem Grund zu. „Ich hoffe, es kommt etwas an beim Bauern.“

          In diesem Fall stimmt das sogar. Denn Bio-Bauern verdienen grundsätzlich besser als ihre konventionellen Kollegen. Im Schnitt zahlen die Molkereien für Bio-Milch mehr als 40 Cent je Liter - und geben auf Anfrage auch gerne Auskunft. 47 Cent etwa zahlt die Upländer Bauernmolkerei im nordhessischen Willingen ihren Bio-Landwirten. Von hierher bezieht auch das Handelsunternehmen Alnatura die Milch, die es unter seinem Namen verkauft. Je nach Qualität 42 und 48 Cent - diesen Preis nennt die Gläserne Molkerei aus Münchehofe in Brandenburg, von der eine Bio-Heumilch in Demeter-Qualität bei Tegut steht (1,39 Euro). Die Preise für Bio-Milch sind grundsätzlich stabiler, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Alles in allem macht der Markt in Deutschland aber gerade einmal knapp drei Prozent aus.

          Doch es gibt auch positive Ausreißer auf konventioneller Seite. Die Milchwerke Berchtesgadener Land etwa, die konventionelle Milch und Bio-Milch verarbeiten, zahlten im April nach eigenen Angaben zwischen 35 und knapp 40 Cent für die konventionelle Lieferung, für Bio-Milch in Demeter-Qualität sogar knapp 54 Cent, allerdings war das noch vor dem Preisverfall.

          Der Verbraucher als „mächtiges Wesen“

          Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen ist überzeugt: Wenn sichergestellt sei, dass Bauern von höheren Preisen profitieren, seien Verbraucher auch bereit, mehr zu zahlen. Die Milchpreise sollten daher auf den Internetseiten der Molkereien oder des Handels transparent gemacht werden, lautet eine Forderung der Verbraucherschützer. Dann hätten Kunden mehr Durchblick und könnten sich auch gegen Dumping-Aktionen des Handels entscheiden, heißt es. Verbraucherschützer empfehlen den Kauf von Bio-Milch. Damit unterstütze der Verbraucher eine bessere Tierhaltung - Kühe haben mehr Platz und auch Zugang ins Freie. Außerdem ist Bio-Milch, anders als es viele konventionelle Marken sind, frei von Gentechnik. Das heißt, die Kühe bekommen kein genverändertes Futter zu fressen, was vielen wichtig ist.

          Noch besser ist aus Verbrauchersicht Bio-Milch aus der Region. Ín der optimalen Kombination gibt es solche Milch direkt beim Bio-Bauern, etwa im Hofladen auf dem Dottenfelderhof, wo man die Milchkühe nebenan gleich auch noch im Stall besuchen kann.

          Ein neues Siegel, das Regionalfenster, gibt inzwischen verlässlich Auskunft. Es sitzt auch auf der Verpackung von Milch aus der kleinen Marburger Traditionsmolkerei, die zu 100 Prozent hessische Milch konventioneller Landwirte verarbeitet. Hans-Werner Wege, der Chef der Genossenschaft, widerspricht Meldungen, wonach der Bauer zuallerletzt vom Aufpreis für Markenmilch im Supermarkt profitiere - wenn überhaupt. „Mit dem Absatz hochpreisiger Marken steigt anteilig auch das Milchgeld für unsere Landwirte.“ Die Marburger Molkerei zahlte im April 29 Cent an ihre Lieferanten. Er hoffe, die „Zwei“ halten zu können, sagt Wege.

          45 Cent mehr, für die gleiche Milch

          Über eines müssen sich Verbraucher allerdings im Klaren sein: So gut wie alle Molkereien bedienen sowohl die Billig- als auch die Premiumschiene, das heißt, die gleiche Milch finden sie als Markenmilch teuer und als Handelsmarke billig im Regal. So wird etwa auch die Regionalmilch von Rewe in Marburg abgefüllt und kostet 69 Cent. Als Markenmilch aus der Marburger Traditionmolkerei kostet der Liter 1,05 Euro.

          Diese Mischkalkulation zahle sich auch für die Landwirte aus, hebt Günter Berz-List, Vorstand der Schwälbchen AG, hervor. „Sonst könnten wir nicht 23 und 24 Cent an die Milchbauern zahlen.“ Insofern sieht er im Verbraucher und Konsumenten „ein mächtiges Wesen“. Der Molkereichef gibt allerdings zu, dass der Löwenanteil der höheren Preise beim Handel bleibe, der Kosten für Personal, Logistik und Energie zu finanzieren habe. Hoffnung macht dem Molkereichef, dass im Mai - also dem Monat, in dem die Preise in den Keller gingen -der Absatz für Milch, Sahne und Quark der Marke Schwälbchen gestiegen ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Reisende am Dienstag am Pekinger Westbahnhof

          Corona-Virus : Vertuschung führt in die Katastrophe

          Angesichts der raschen Ausbreitung des Corona-Virus mahnt Chinas Führung zu Transparenz: Peking will beweisen, dass es mit der Krise verantwortungsvoll umgeht. Die Offenheit ist nicht allen geheuer.

          Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

          Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.
          Der Finanzminister Olaf Scholz in Brüssel.

          Börsensteuer : In Gesprächen so weit wie nie

          Der Bundesfinanzminister Olaf Scholz widerspricht dem Eindruck, dass seine Pläne in der EU vor dem Scheitern stehen. Österreich droht dagegen offen mit Ausstieg. Der Minister spielt die Äußerungen herunter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.