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Europa Open Air : Blasser Götterfunken

Das HR-Sinfonieorchester unter Leitung von Alain Altinoglu zwischen Publikum und Frankfurter Skyline Bild: dpa

Die Kulturtage der Europäischen Zentralbank in Frankfurt könnten Europa als Kulturgebilde ins Bewusstsein rücken. Könnten. Sie sind aber bloß noch ein nettes Festival am Main.

          Während der Hessische Rundfunk gerade dabei ist, seine Kulturwelle hr2 abzuwürgen, hat es die Europäische Zentralbank schon geschafft, die einst hoffnungsvoll begonnenen Kulturtage so einzudampfen, dass sie in der Stadt kaum noch als solche wahrgenommen werden. Die gemeinsame Schnittmenge des Kulturverständnisses von öffentlich-rechtlichem Rundfunk und europäischer Megawährungsbehörde lässt sich an diesem Donnerstag Abend an der Weseler Werft erleben: Zusammen laden hr und EZB zum „Europa Open Air“ ein, das zu den Kulturtagen gehört, die in diesem Jahr ganz Europa gewidmet sind, sich aber mittlerweile auf rein musikalische Veranstaltungen beschränken, die man nicht anders denn als zufällig zusammengewürfelt bezeichnen kann.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Während es in diesen Zeiten notwendig und angemessen wäre, über Europa nachzudenken, Künstlern Freiräume zu bieten, ihre Visionen eines geeinten und doch so differenzierten Kontinents intellektuell und ästhetisch vorzuführen, geht die große europäische Institution mit Sitz im kulturell aufgeschlossenen Frankfurt auf Nummer Sicher und präsentiert Klassik für die Massen und drei weitere Konzerte, von denen eines auch Teil des Musikfests der Alten Oper ist. In den beiden anderen werden Arrangements aus Pop, Rock und Filmmusik zu Gehör gebracht. Harmloser geht es nimmer. Und mit Europa hat das auch nicht wirklich etwas zu tun.

          Hoffen auf Lagarde

          Nun könnte man auf Christine Lagarde hoffen, die demnächst EZB-Chefin wird und womöglich ein größeres Interesse an Kultur und vielleicht auch am Standort Frankfurt hat als die derzeitige Notenbank-Spitze. Während die europäischen Werte in vielen EU-Mitgliedsländern zerfleddern und zerbröseln, wäre es durchaus angebracht, ein Zeichen zu setzen, sich einmal ernsthaft auf die kulturellen Gemeinsamkeiten zu besinnen und Europa als Kulturgebilde ins Bewusstsein zu bringen. Schließlich war dies auch die Idee hinter den Kulturtagen: das Verbindende hervorzuheben und die Unterschiede nicht als Hemmnisse, sondern als Bereicherung zu begreifen.

          Till Brönner ist der erfolgreichste und bekannteste deutsche Jazz-Musiker.

          Immerhin können die Zuhörer heute Abend selig in europäischen Gefühlen schwelgen, wenn sie den Schlusssatz der neunten Sinfonie Beethovens mit dem Chorfinale hören, schließlich ist die Melodie auf Schillers „Freude, schöner Götterfunken“ die Europahymne. Unter Leitung des Musikdirektors des Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie, Alain Altinoglu, spielt von 20.15 Uhr an das hr-Sinfonieorchester, der Abend beginnt aber schon um 18 Uhr mit der hr-Bigband und dem Trompeter Till Brönner. Es werden wieder etwa 20 000 Besucher erwartet, denen bei, so die Vorhersage, sommerlichen Temperaturen zunächst „Blue Eyed Soul“ und sodann Werke von Händel, Liszt und eben Beethoven geboten werden.

          Natürlich gibt es kaum etwas Schöneres, als an einem lauen Abend im August dem Wohlklang aus vergangenen Zeiten zu lauschen, dabei am Wasser zu sitzen und gelegentlich den Blick auf die ferne und doch so nahe Frankfurter Skyline fallen zu lassen. So friedlich und freundlich geht es selten einmal zu, wenn Menschen in großer Menge zusammenkommen, wie bei den Open-Air-Konzerten des Hessischen Rundfunks. Es hat etwas Urbanes, wenn so viele Musikfreunde sich am Main unter freiem Himmel versammeln, auch wenn man sich wundert, warum der eine oder die andere sich der verwehenden Akustik aussetzt. Besser allerdings, als klassische Werke aus dem Smartphone schallen zu lassen, und so allein wie vor Computer-Lautsprechern, aus denen Klassik quillt, ist man bei einem solchen Event auch nicht. Was zählt, ist das gemeinschaftliche Erleben. Außerdem kostet es nichts. Da interessiert kaum, dass der Euro in diesem Jahr als Buchgeld 20 Jahre alt wird, was die EZB heute Abend gleich mitfeiern möchte. Wenn man ihn nicht ausgeben muss, macht er am meisten Spaß.

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