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Kürzungen für Gymnasien : Vielfalt geht verloren

Nicht nur die Eltern schließen sich zusammen, sondern auch die Lehrer. So warnten die drei Landesverbände für Musik, Kunst und Darstellendes Spiel davor, musische Fächer könnten in der Oberstufe künftig entweder gar nicht mehr oder nur noch theoretisch unterrichtet werden, weil in den nach der Zusammenlegung überfüllten Kursen keine künstlerische Praxis mehr möglich sei. Allerdings hüten sich die Eltern- und Lehrervertreter, die politische Schwerpunktsetzung auf Inklusion und Ganztagsschulen in Frage zu stellen. Das von der Landesregierung verfolgte Ziel einer „höheren Bildungsgerechtigkeit“ werde unterstützt, heißt es vorsorglich im „Frankfurter Appell“.

„Wir sind die Mehrheitsschulen.“

Nur müssen die Verteidiger des Gymnasiums befürchten, dass sie von dieser höheren Gerechtigkeit nicht viel haben werden und die Kultuspolitik künftig mit der notwendigen Integration von Flüchtlingen ein weiteres starkes Argument hat, um noch mehr in den Oberstufen zu sparen. Zwar haben CDU und Grüne im Koalitionsvertrag vereinbart, keine Schulform abzuschaffen, solange sie von den Eltern gewünscht wird, doch es steht nicht geschrieben, dass alle Gliederungen des Bildungswesens so zu finanzieren sind, dass sie ihre Eigenarten behalten können.

Insbesondere konservative Bildungsbürger fühlen sich von der hessischen CDU enttäuscht. Bei allem Ärger um die erst überstürzt eingeführte und dann ebenso schnell wieder zurückgedrehte G8-Reform haben sie in der Union doch die politische Kraft gesehen, die das Gymnasium gegen Angriffe von SPD und Linken schützt und das Gespenst der Einheitsschule bannt. Jetzt aber meinen sie, in der schwarz-grünen Koalition den Wegbereiter des Einheitsgymnasiums zu erkennen. Gemessen an der Schülerverteilung, trifft das in den Großstädten ohnehin schon zu. In Frankfurt wechselten zuletzt 56 Prozent der Viertklässler in den höchsten weiterführenden Schulzweig. Jeder Zehnte gegen den ausdrücklichen Rat der Grundschule, der aber keine rechtliche Wirkung hat, weil die Wiesbadener Kultuspolitik am uneingeschränkten Elternwahlrecht festhält. So wird die Gymnasialquote vermutlich noch weiter steigen, auch wenn für viele Kinder ein anderer Bildungsweg geeigneter wäre.

Schulen wie dem Lessing-Gymnasium bleibt nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Die Elternbeiräte Wiesmann und Reschke verweisen auf die hohe Gymnasialquote, um den Vorwurf zu entkräften, die Interessen einer privilegierten Schicht zu vertreten und damit am Ende noch gegen die „höhere Bildungsgerechtigkeit“ zu verstoßen. „Wir verteidigen hier keine Orchideenschulen“, sagt Wiesmann. In einer multikulturell geprägten Großstadt wie Frankfurt habe auch ein traditionell anspruchsvolles altsprachliches Gymnasium eine sehr heterogene Schülerschaft. Die Politik könne nicht fordern, dass die Schule familiäre Bildungsdefizite ausgleiche und mehr als die Hälfte eines Jahrgangs auf ein Studium vorbereite, und ihr im Gegenzug die Mittel für diese Aufgabe entziehen. Die Gymnasien seien längst keine „gepamperte Minderheit“ mehr, sagt Reschke. „Wir sind die Mehrheitsschulen.“

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