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Deutschkurse für Flüchtlinge : Die Hauptschule als Chance

In Frankfurt finden die meisten Intensivklassen an Haupt- und Realschulen statt: eine Kasse für junge Flüchtlinge in Frankfurt Bild: dpa

Ohne Deutschkenntnisse haben Jugendliche schlechte Bildungschancen. Helfen könnte ihnen ausgerechnet eine Schulform, die viele schon abgeschrieben hatten.

          3 Min.

          Schüler, die schlecht oder überhaupt nicht Deutsch sprechen, sind für Klaus Röhrig nichts Neues. Mit ihnen hat der Leiter der Salzmannschule, einer Hauptschule im Frankfurter Stadtteil Niederrad, schon so lange zu tun, wie er Lehrer ist, also seit rund vier Jahrzehnten. In den siebziger Jahren waren es die türkischen Gastarbeiter, die ihre Familien nach Deutschland holten und die Kinder in die Schulen schickten. In den neunziger Jahren, während der Jugoslawien-Kriege, kamen die Flüchtlinge vom Balkan. Und jetzt sind es eben die Asylbewerber aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und Eritrea.

          Matthias Trautsch
          Koordination Reportage Rhein-Main.

          Im normalen Klassenverbund könnten die Schüler dem Unterricht nicht folgen, also kommen sie zunächst in eine Intensivklasse. Dort sollen sie binnen eines Jahres so gut Deutsch lernen wie eben möglich. Im Jargon der Kultusverwaltung heißen die Neuankömmlinge „Seiteneinsteiger“, was freundlich klingt und für Kinder von Arbeitsmigranten, die in Spanien oder Polen zur Schule gegangen sind und lediglich ins deutsche Bildungssystem umsteigen müssen, wohl auch eine treffende Bezeichnung ist.

          An Gymnasien kaum Kurse für Flüchtlinge

          Ziemlich unpassend ist der Begriff hingegen für einen Großteil der jungen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika und auch für viele der südosteuropäischen Zuwanderer, etwa die als „Bulgaro-Türken“ bezeichneten Angehörigen einer muslimischen Minderheit auf dem Balkan. Manche Kinder und Jugendliche seien durch Krieg und Flucht „schulentwöhnt“, sagt Röhrig. Oder sie hätten nie eine systematische, durchgehende Bildung genossen. „Manche können ihre eigene Muttersprache nicht schreiben - sie sind eigentlich Analphabeten.“

          Klaus Röhrig ist Leiter der Salzmannschule.
          Klaus Röhrig ist Leiter der Salzmannschule. : Bild: Wolfgang Eilmes

          In Frankfurt sind die meisten Intensivklassen an Haupt- und Realschulen angesiedelt, allein die Salzmannschule führt vier davon. An den Gymnasien, der mit Abstand größten und überdies stark wachsenden weiterführenden Schulform, gibt es lediglich zwei Klassen für Seiteneinsteiger - in der ganzen Stadt. Die Gymnasien hätten sich schon zurückgehalten, als es darum ging, türkische Gastarbeiterkinder und später Kriegsflüchtlinge vom Balkan aufzunehmen, sagt Röhrig. Die größte Last hätten die Hauptschulen getragen.

          Gedankt hat ihnen das niemand. Der Schulentwicklungsplan, der die Geschicke der Frankfurter Schulen in den nächsten Jahren regelt, sieht das Ende der reinen Hauptschulen vor. Für die Salzmannschule ist eine „jahrgangsweise Aufhebung“ geplant. Das bedeutet zwar nicht, dass die Schule sofort geschlossen wird, aber von 2019 an darf sie keine neuen fünften Klassen mehr bilden und wird deshalb nach und nach auslaufen.

          Das Beispiel Salzmannschule

          Das Einzugsgebiet der Salzmannschule ist groß, es umfasst außer Niederrad noch Goldstein, Schwanheim, Höchst, Nied und Griesheim - dort wird es auch nach 2019 eine beträchtliche Zahl Hauptschüler geben. Allerdings sollen sie dann auf eine Kooperative Gesamtschule gehen. Bildungsdezernentin Sarah Sorge (Die Grünen) hat klargemacht, wo ihre Prioritäten liegen: Als es darum ging, einen provisorischen Standort für die noch zu gründende Gesamtschule zu finden, fiel die Wahl auf ein Gelände an der Goldsteinstraße - ungeachtet der Tatsache, dass das dort eine Außenstelle der Salzmannschule steht.

          Schon zum nächsten Schuljahr soll die jahrgangsweise Aufhebung der Schwanthalerschule, einer Hauptschule in Frankfurt-Sachsenhausen, beginnen. Derzeit gibt es dort vier Intensivklassen mit insgesamt 67 Schülern, von denen jeder dritte ein Flüchtling ist, Tendenz steigend. Rektor Reinhold Dallendörfer macht sich Gedanken, wohin die Seiteneinsteiger nach einem Jahr Intensivklasse wechseln sollen, wenn es die entsprechenden Hauptschuljahrgänge nicht mehr gibt.

          Dallendörfer und Röhrig sind überzeugt, dass es nicht ausreicht, die Intensivklassen und deren Abgänger in einer beliebigen Schule unterzubringen, die gerade ungenutzte Kapazitäten hat. Der Spracherwerb sei die Basis der Integration, sagt Dallendörfer. Damit er gelinge, bedürfe es einer darauf zugeschnittenen Schulorganisation und eines spezialisierten Kollegiums. Röhrig verweist auf das Beispiel der Salzmannschule: Dort hätten 70 Prozent der Lehrer selbst Migrationshintergrund, in den Intensivklassen seien es sogar 100 Prozent, außerdem sprächen die Kräfte dort mindestens zwei, meist drei Sprachen.

          „Sprachförderzentren“ seien wichtig

          „Ein deutscher Lehrer kann einen Ball hoch halten, dann ,Ball‘ sagen und alle sprechen es nach“, sagt Röhrig. Eine Lehrerin, die Bulgarisch spricht, habe ganz andere pädagogische Möglichkeiten, und sei es nur, dass sie vorab erklären kann, dass es in der Unterrichtsstunde um Spiel- und Sportgeräte gehe. Ähnlich wichtig sei, Zugang zu den Eltern zu finden. Das falle einer Lehrkraft leichter, die selbst aus dem Kulturkreis der Familie stamme und deren Sprache spreche.

          Momentan arbeiteten solche Kollegien vor allem an Hauptschulen. „Aber was passiert, wenn es uns nicht mehr gibt?“, fragt Röhrig. Seiner Meinung nach müssten „Sprachförderzentren“ eingerichtet werden, also Schwerpunktschulen, die an die Stärken der Hauptschulen - etwa die Überschaubarkeit und das persönliche Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern - anknüpfen oder sich sogar aus ihnen entwickeln könnten. „Man sollte das Angebot der Schulen nutzen, die den Willen dazu zeigen und das Know-how haben“, sagt Röhrig.

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