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Mordfall vor fast 90 Jahren : Eine Geschichte über Tod, Schuld und Sühne

Hausherr der „Mordhütt“: Friedrich Baumgarten soll 1930 seine Frau Stara ermordet haben. Bild: Staatsarchiv Marburg

Zwei Forscher spüren einem Mordfall nach, der vor fast 90 Jahren in einem sozialen Brennpunkt in Hessen stattgefunden hat. Der verurteilte Täter wurde später ein Opfer der Nationalsozialisten. Doch an seiner Schuld gibt es Zweifel.

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          „Das Ende der Stara Baumgarten“ lautete die Überschrift eines Artikels im „Sprendlinger Anzeiger/Dreieichenhainer Stadt-Anzeiger“ vom 26. Februar 1932. Die Zeitung berichtete über einen Mordprozess vor dem Schwurgericht Darmstadt. Das blutige Geschehen, das dort juristisch aufgearbeitet wurde, erschütterte den kleinen Ort Sprendlingen, heute Stadtteil von Dreieich.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          Auf grausame Weise war die 26 Jahre alte Stanislawa (Stara) Baumgarten, die aus Polen stammte und als Magd auf verschiedenen Gutshöfen in Sprendlingen und Umgebung arbeitete, im November 1930 von ihrem Mann Friedrich Baumgarten getötet worden. So sah es jedenfalls das Gericht als erwiesen an: Es verurteilte Baumgarten zum Tode. Das Haus am Herrnröther Weg in Sprendlingen, in dem sich die Bluttat zugetragen hatte, lag ein gutes Stück außerhalb des Orts; es hieß im Volksmund danach nur noch „Mordhütt“. Das verwahrloste Anwesen ist längst verschwunden: Die Stelle, wo es einst stand, wird heute von der östlichen Brückenrampe des Herrnröther Wegs über die Autobahn 661 (Egelsbach–Oberursel) überdeckt.

          Auf Spurensuche

          Den fast 90 Jahre zurückliegenden Ereignissen haben Wilhelm Ott, der Vorsitzende des Vereins für Heimatkunde „Freunde Sprendlingens“, und Wilhelm Schäfer, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Dreieicher Stadtarchivs, nachgespürt, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Sie recherchierten dazu nicht nur im Stadtarchiv, wo amtliche Dokumente zu den Tatumständen und alte Zeitungsberichte zu finden waren, sondern auch in den Archiven des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen und des Konzentrationslagers Buchenwald sowie im Hessischen Staatsarchiv Marburg. Ihre Dokumentation ist im Internet unter www.freunde-sprendlingens.de in der Rubrik „Sprendlingensia“ zu finden.

          Nach Einschätzung von Ott und Schäfer könnte das Geschehen als Vorlage für eine antike Tragödie dienen. Am Anfang steht eine Großfamilie, die gemeinsam unter dem Dach des einsam gelegenen Hauses lebt. Den Ton gibt Friedrich Baumgarten an, der nur unregelmäßig arbeitet und wegen Diebstahls vorbestraft ist. Dass er sich oft mit seiner Frau streitet und sie auch schlägt, wird später im Prozess aktenkundig: Mehrere Zeugen sagen aus, Stara Baumgarten habe ihnen ihre blauen Flecke gezeigt.

          Auch Heinrich Brandt und seine Frau Helene, die jüngere Schwester von Friedrich Baumgarten, geraten öfters in Streit. Sie wohnen ebenso in dem Anwesen wie das Ehepaar Gertrud und Christoph Baumeister. Gertrud ist die ältere Schwester von Baumgarten und diesem hörig. Christoph Baumeister hat psychische Probleme. Dem Zeitungsbericht ist zu entnehmen, dass ihn ein medizinischer Sachverständiger in dem Prozess als geisteskrank und „höchst minderwertig durch erbliche Veranlagung“ bezeichnet. Die Heimatforscher Ott und Schäfer kommen zu dem Schluss, dass das Haus nach heutigen Maßstäben als „sozialer Brennpunkt“ zu bezeichnen wäre.

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