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„Pompeji der Steinzeit“ : Die ersten Kuhmilchtrinker vom Kapellenberg

  • -Aktualisiert am

Spurensuche: Forscherinnen bei der Arbeit auf dem Hofheimer Kapellenberg Bild: Gilli, Franziska

Grabungen auf dem Hofheimer Hausberg mit Taunusblick, dem „Pompeji der Steinzeit“, bringen neue Erkenntnisse zum Leben vor 6000 Jahren. Erstaunt sind die Forscher über den hohen Konsum von Milch.

          Wer die Gruben der Archäologen auf dem Kapellenberg seit Jahren regelmäßig besucht, erlebt ein Déjà-vu. Alles erscheint unverändert: Ausmaße und Tiefe der Erdarbeiten auf dem insgesamt 24 Hektar großen Gelände wirken immer gleich. Da sich Grabungsleiter Timo Lang mit seinen zwei studentischen Hilfskräften nur millimeterweise durch die Reste der bis zu 6000 Jahre alten Michelsberger Kultur vorantastet, wirkt das abgesteckte Karree auf den ersten Blick nur wenig spannend. Doch die Puzzleteile fügen sich zusammen, wie Projektleiter Detlef Gronenborn, Professor an der Universität Mainz, berichtet. Seit 2008 mehren der Archäologe und seine Kollegen des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz ihre Erkenntnisse über die jungsteinzeitliche Siedlung auf dem Kapellenberg.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Schon im Frühjahr 2014 waren in Kooperation mit Heinrich Thiemeyer, Professor der Goethe-Universität in Frankfurt, auf dem Plateau des Kapellenbergs und den seitlichen Hängen Bodenproben genommen worden. Dies diente zum besseren Verständnis der Erosionsgeschichte. Schon vor 6000 Jahren sei der Boden des Kapellenbergs weitgehend durch Siedlungsaktivitäten verändert worden, erläuterte Gronenborn. Weitere geophysikalische Messungen seien geplant.

          Unmengen Milchprodukte

          Bei einer dieser Untersuchungen sei in der Nähe der Bergkapelle ein großer freier Platz entdeckt worden, bei dem es sich vielleicht um den Versammlungsort des Dorfes gehandelt haben könnte. Das klinge lapidar, biete aber Geschichtssoziologen wichtige Erkenntnisse, erläuterte der Forscher.

          Scherben, Holzkohle, Steingeräte, Pfeilspitzen und zuletzt einen kleinen Knochen förderten die Archäologen zutage. Anhand von Hofheimer Keramikfunden wurde von Wissenschaftlern der Universität Bristol etwas Erstaunliches bewiesen: Auf dem Kapellenberg verzehrten die dort lebenden Menschen in Unmengen Milchprodukte, viel mehr als in der früheren oder späteren Steinzeit. Anhand von Milchfetten auf Keramikscherben, die die Zeit in der Erde überdauerten, sei der Konsum hochgerechnet worden, erläuterte Gronenborn.

          Die ersten Milchtrinker vom Kapellenberg geben den Forschern Rätsel auf. Dieser Befund sei umso erstaunlicher, weil bei Naturvölkern noch heute Erwachsene keine Milch vertrügen. Der Mensch sei nach seiner genetischen Disposition nur im Säuglings- und Kleinkindalter ein Milchtrinker. In europäischen Populationen habe sich zuerst eine Laktosetoleranz entwickelt, der den Milchkonsum ermöglicht. Von Jungsteinzeitlern sei dies bisher allerdings nicht bekannt.

          Nicht leicht für die Forscher

          Die Größe der Population der Getreidebauern und Rinderzüchter auf dem Kapellenberg, musste Gronenborn korrigieren. Ursprünglich hatte er geschätzt, dass dort 7200 Menschen lebten. Doch die einzelnen Häuser stünden offenbar sehr weit auseinander, so dass es tatsächlich weniger Siedler gewesen seien.Auch könnten nun drei Siedlungsphasen innerhalb von 700 Jahren nachgewiesen werden. So sei der Kapellenberg von den Bauern um 3700 vor Christus aufgegeben worden. Offenbar wohnten die Bauern danach 200 Jahre lang in der Ebene, auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik in Hattersheim, um danach nochmals auf den Berg zurückzukehren.

          Der Kapellenberg mache es den Forschern nicht leicht, sagte Gronenborn, dessen Mitarbeiter Gerätschaften mühsam zwischen den Bäumen hin und her bewegen müssen. Aber an diesem „Pompeji der Steinzeit“ lasse sich viel Neues über die Michelsberger Kultur erfahren. Über Besuch an der Grabungsstelle freuen sich die Forscher. Aber sie bitten Spaziergänger, die gesetzten Markierungspfähle nicht, wie schon geschehen, herauszureißen. Solche Zerstörungen behindere die Forschungsarbeiten.

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