https://www.faz.net/-gzg-9ju66

Ergebnis der Deutschen Börse : Herr Weimer zieht die Zügel an

Angekommen: Theodor Weimer fühlt sich auf dem Chefsessel der Deutschen Börse sichtlich wohl. Bild: EPA

Die Deutsche Börse legt nach Jahren der Unruhe ein gutes Ergebnis vor. Dass der Konzern sich schnell verändert, ist im Wesentlichen das Werk des neuen Vorstandschefs.

          Eine Sache wollte Theodor Weimer gleich mal klarstellen, also setzte er diese Aussage an den Anfang seiner Rede. Vor genau einem Jahr, Weimer hatte erst fünf Wochen zuvor auf dem Stuhl des Vorstandsvorsitzenden Platz genommen, da musste der neue Chef der Deutschen Börse bei der Vorstellung der Bilanz des Dax-Konzerns Zahlen präsentieren, „die nicht meine waren“, sondern die seines Vorgängers Carsten Kengeter. Es waren ordentliche Werte, keine Frage. Und trotzdem war dem neuen Mann an der Spitze des Konzerns dieses Mal wohler bei der Sache, konnte er nun doch die Ergebnisse seines eigenen Wirkens (siehe Kasten) im ersten Jahr bei der Börse vorstellen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit dem Wertheimer hat bei dem Unternehmen mit Sitz in Eschborn eine neue Zeit begonnen. Unter Vorgänger Kengeter schien der Konzern wie gelähmt unter dem Eindruck zweier unangenehmer Themen. Da war zum einen der betriebswirtschaftlich vermutlich sinnvolle, aber unglücklich angelegte und falsch kommunizierte Versuch, mit der Börse in London eine Liaison einzugehen, die den Hauptsitz des am Finanzplatz Frankfurt verankerten Unternehmens in die Metropole nach Großbritannien verlagert hätte. Dass es einen ähnlich gelagerten Versuch unter ihm bald wieder geben könne, diesen Eindruck hatte Weimer schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt vom Tisch gewischt. Gestern machte er bei der offiziellen Vorstellung der Bilanzzahlen für das Geschäftsjahr 2018 zudem deutlich, dass auch ein anderes Thema Geschichte sein soll. Mit der Beendigung des Gerichtsverfahrens „gegen meinen Vorgänger“, den Weimer namentlich nicht nannte, habe man ein Kapitel geschlossen, „das unsere Reputation auf eine Belastungsprobe gestellt hat“. Kengeter war wegen Insiderhandels angeklagt worden, das Verfahren wurde inzwischen gegen Zahlung einer Millionensumme eingestellt.

          Weimer zeigt klare Kante

          Innerhalb des Unternehmens haben diese beiden Kapitel Spuren hinterlassen, und Weimer weiß das. Der Konzern wirkte zwischenzeitlich wie gelähmt. Mitarbeiter klagten damals, dass die Fusion und das Gerichtsverfahren auf die Stimmung drückten und man deshalb verunsichert sei. Mit Weimer ist ein anderer Typ Mensch in die Börse eingezogen, und der ehemalige Deutschlandchef der Hypo-Vereinsbank scheint gewillt, dem Unternehmen seinen Stempel aufzudrücken. In internen Gesprächen, aber auch in der Öffentlichkeit zeigt er klare Kante, redet oft frei statt nach Manuskript und kommt bisweilen auch mal flapsig rüber. Weimer will mit diesem Auftreten nicht den geringsten Zweifel daran lassen, seine neue Aufgabe fokussiert angehen zu wollen. „Dazu muss man wissen, dass es dazugehört, auch unangenehme Dinge an- und auszusprechen.“

          Theodor Weimer zieht die Zügel an. Die Konzentration der Mitarbeiter soll nicht durch Störgeräusche wie einer Großfusion vom Tagesgeschäft abgelenkt werden. Weimer hat den Vorstand verkleinert, neue Expertise von außen hineingeholt und sich damit seine Führungsmannschaft neu zusammengestellt. Er hat sich von etwa 60 Führungskräften getrennt und kündigte im Mai vergangenen Jahres an, 350 Vollzeitstellen streichen zu wollen – obwohl des Unternehmen gesund sei. „Das war nicht einfach“, sagt Weimer, sei aber nötig, um Spielräume für Wachstum und Investitionen zu schaffen. Darauf aufbauend habe man Übernahmen „fest auf dem Radarschirm“, dafür lägen rund 1,3 Milliarden Euro bereit.

          Löwe und Gazelle

          Wie Weimer tickt, lässt sich am besten aus einer seiner Parabeln aufzeigen, die er so gerne wiedergibt, zuletzt beim Neujahrsempfang im Konzernsitz in Eschborn. Seine Lieblingsgeschichte handelt von einer Gazelle und einem Löwen. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufgehe, wisse die Gazelle, dass sie auch heute wieder schneller als der schnellste Löwe sein müsse, um zu überleben. Der Löwe wisse, dass er schneller als die langsamste Gazelle sein müsse, damit er und seine Familie nicht verhungern. Und die Börse? Die sei beides, Löwe und Gazelle: „Jeden Morgen, wenn du aufstehst, tust du gut daran, zu rennen. Das gilt auch für uns.“

          Dass ein solcher Anspruch, sich tagtäglich dem globalen Wettbewerb auszusetzen, nicht bei jedem Mitarbeiter gut ankommt, leuchtet ein. Doch in Summe ist es dem ehemaligen Berater und Investmentbanker gelungen, in seinem ersten Jahr viel Vertrauen zurückzugewinnen: Bei der Politik, zu der Weimer, der in Wiesbaden wohnt, einen kurzen Draht pflegt, wohl wissend, dass in der Landeshauptstadt auch die Börsenaufsicht sitzt; zu Kunden, die seine zupackende Art genauso schätzen wie sein offenes Ohr und seine Fähigkeit, seinen Gesprächspartnern das Gefühl zu geben, wichtig für ihn zu sein; und bei den Investoren, die mit Blick auf die Entwicklung des Aktienkurses zufrieden sind, schließlich legte das Papier 2018 gegen den Trend um etwa acht Prozent zu.

          Das Wachstum im Jahr 2018 sei zwar auch der Konjunktur geschuldet gewesen, aber eben nicht nur. Diesen Pfad will Weimer weitergehen, wenngleich er zur Vorbeugung von zu viel Optimismus auf zahlreiche Unsicherheiten im Börsengeschäft und auf die wirtschaftliche Abkühlung verweist. Und dann greift er wieder zu einem dieser Bilder: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

          Deutsche Börse will Mitarbeiter einstellen

          Die Deutsche Börse blickt nach einem guten Geschäftsjahr 2018 etwas vorsichtiger in die Zukunft. Wie Vorstandschef Theodor Weimer bei der Bilanzpressekonferenz gestern sagte, strebe das Unternehmen weiter das Ziel an, die jährlichen Erlöse um 5 Prozent, den Gewinn um 10 bis 15 Prozent zu steigern. Im vergangenen Jahr war dem Konzern das gelungen. Die Erlöse zogen im Vorjahresvergleich um 13 Prozent auf 2,77 Milliarden Euro an. Der Börsenbetreiber profitierte hier unter anderem von starken Schwankungen an den Aktienmärkten. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis stieg um 17 Prozent auf etwas mehr als eine Milliarde Euro. Der Überschuss sank, laut Börse unter anderem wegen Abfindungen im Zuge der Stellenstreichungen, um 6 Prozent auf 824 Millionen Euro. Mit Blick auf die Arbeitsplätze sagte Weimer, trotz des noch laufenden Abbauprogramms würden parallel neue Stellen geschaffen. Das tue man nicht bewusst, so Weimer, sei aber Folge des Wachstumsprogramms. Zum Jahresende beschäftigte die Börse 6000 Mitarbeiter. (ddt.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

          TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

          Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.
          Unser Sprinter-Autor: Sebastian Reuter

          F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

          Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.