https://www.faz.net/-gzg-8nk3i

Hohe Nitratwerte in Brunnen : Die Bauern und das Wasser

  • -Aktualisiert am

Nährstoff und Nitratquelle: Ein Bauer bringt Gülle aus. Bild: dpa

In einem Brunnen in Südhessen werden seit Jahren zu hohe Nitratwerte gemessen, obwohl dagegen scheinbar alles getan wird. Eine Nachfrage.

          5 Min.

          Auf den ersten Blick sind die Bedingungen, um Trinkwasser zu gewinnen, ideal. Der Brunnen des Gruppenwasserwerks Dieburg liegt neben einem Bachlauf, den man vor lauter Bäumen nicht sehen kann. Der Acker hinter dem kleinen Wasserhaus am Hang ist grün, Senfpflanzen wachsen dort. Das einzige größere Gewerbe in der Nähe ist ein Käsegroßhandel. Trotzdem darf niemand das Wasser aus diesem Brunnen in Habitzheim, einem Ortsteil von Otzberg, trinken, zumindest nicht pur. Denn seit mehr als 25 Jahren werden darin Nitratwerte gemessen, die erheblich über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert von 50 Milligramm je Liter liegen. Das zu ändern, bemüht sich seit mittlerweile auch schon 20 Jahren eine Kooperative, die als Modellprojekt gilt. Die Erklärungen dafür, dass sie bis heute scheitert, sind unterschiedlich.

          Nitrate sind wasserlösliche Salze, die im Boden vorkommen, auch in den Ausscheidungen von Tieren. Viele Pflanzen brauchen eine gewisse Menge des in Nitrat gebundenen Stickstoffs, um zu wachsen, in der Landwirtschaft lässt sich damit düngen. Im Boden, aber auch im menschlichen Körper kann Nitrat durch Darmbakterien zu Nitrit und im Magen kann es zu Nitrosaminen umgewandelt werden. Säuglinge können durch ein Zuviel an Nitrat vergiftet werden, der Stoff gilt als potentiell krebserregend. Das Wasserwerk in Dieburg mischt Wasser aus Habitzheim mit dem aus anderen Quellen, ehe es an die Haushalte geliefert wird.

          Vom Acker ins Grundwasser

          Probleme mit zu viel Nitrat im Grundwasser gibt es mehr oder weniger in allen Teilen Deutschlands, vor allem in Gebieten, die durch Ackerbau und Tierhaltung geprägt sind. Denn einen großen Teil des Nitrats, das ins Grundwasser gelangt ist, haben vorher Landwirte mit ihrem Dünger auf die Felder gebracht. Und gelangt mehr Dünger auf den Acker, als Boden und Pflanzen aufnehmen können, sickert das Nitrat bis ins Grundwasser. Die Aufnahmefähigkeit variiert und ist von der Bodenbeschaffenheit, dem Wetter und den angebauten Pflanzen abhängig. In Hessen überschreiten etwa im Ried oder im Rheingau die Werte, die in Brunnen und Quellen gemessen werden, vielerorts den Grenzwert. Vor zwei Wochen erklärte die Europäische Kommission, vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen die Bundesrepublik einzureichen, weil Deutschland nicht konsequent genug gegen die Nitratbelastung vorgehe.

          Peter Seeger, ein großer Mann mit kurzem, blondem Haar, ist sich des Problems bewusst. Der 38 Jahre alte Landwirt baut rund um Otzberg auf 350 Hektar Viehfutter, aber auch Raps und Zuckerrüben an. Etwa 20 Prozent seiner Ackerfläche liegen in Wasserschutzgebieten. „Ich kann nicht sagen: ,Der Weizen sieht mickrig aus, da dünge ich noch mal nach‘“, sagt Seeger. „So viel zu düngen, wie die Pflanze verbraucht, ist richtig.“ Gegenüber den Behörden weist er seine Düngermengen nach, die Düngeverordnung schreibt das vor.

          Seeger setzt mineralischen Kunstdünger, aber auch Gülle ein. Dieser sogenannte Wirtschaftsdünger wird auf seinem Hof ununterbrochen produziert. In der Hauptsache züchtet Seeger nämlich Schweine. Geht er in den Stall, steigt er in einen sandfarbenen Einteiler und zieht Gummistiefel an. Die 800 Muttersauen, 3000 Ferkel und 2500 Mastschweine stehen auf engmaschigen Plastikgittern. Ihre Ausscheidungen fallen durch das Gitter, fließen ab und werden in großen, kreisrunden Silos aus Beton gelagert. 8000 Kubikmeter Gülle sammeln sich so in einem Jahr an. Was er davon nicht auf seinen Feldern braucht, verkauft Seeger an andere Landwirte. „Viele Betriebe sind froh, wenn sie Gülle bekommen“, sagt er. Der Wirtschaftsdünger habe „viel mehr Mikronährstoffe“ als Mineraldünger. Ein Feld nur mit Letzterem zu tränken sei in etwa so, als nehme ein Mensch seine Nahrung nur in Pillenform zu sich.

          Hof seit 1955 außerhalb des Dorfs

          An seinen fünf Standorten beschäftigt Seeger acht Mitarbeiter. Er ist Bauer, aber auch Agrarunternehmer, und muss sich mit vielen Verordnungen und Vorschriften befassen. Anders als etwa sein Großvater, der den Hof 1955 außerhalb des Dorfs errichtete, weiß Seeger heute auch genau, dass er Nitrat freisetzen würde, wenn er zum Beispiel im Spätsommer nach der Ernte noch einmal den Acker umpflügen und danach keine „Zwischenfrüchte“ anbauen würde. Dass Seeger das weiß, liegt auch an der Arbeit von Angela Homm-Belzer. Die Agraringenieurin hat ihr Büro im Torbogen eines alten Bauernhofs in Otzberg. Sie berät seit 1993 Landwirte, wie sie vermeiden können, dass von ihren Äckern zu viel Nitrat ins Grundwasser gerät. Sie spricht dann von den Zwischenfrüchten, die sich besonders gut dafür eignen, überschüssiges Nitrat nach der Ernte bis zur nächsten Aussaat im Boden zu binden, Hülsenfrüchte gehören zum Beispiel dazu. Solche Zwischenfrüchte werden nicht geerntet, sie sollen im Winter absterben.

          Weitere Themen

          Gut fürs Binnenklima

          Eintracht-Spieler Chandler : Gut fürs Binnenklima

          Die Flankenkönige der Fußball-Bundesliga spielen für Eintracht Frankfurt. Präzise, langgezogene Flanken zu schlagen, gehört auch zum Rüstzeug von Timothy Chandler. Allerdings sitzt er derzeit meist auf der Bank.

          Topmeldungen

          Präsident Erdogan erklärt sich gegenüber Journalisten.

          Krieg in Syrien : VW stellt Werk in der Türkei in Frage

          Eigentlich war die Sache in trockenen Tüchern, nahe Izmir wollte VW sein erstes türkisches Pkw-Werk errichten. Doch weil Erdogans Truppen in Nordsyrien einmarschiert sind und dort die Kurden bekämpfen, wachsen die Zweifel an der Standortentscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.