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Die Batschkapp zieht um : Die Mutter aller Konzerthallen zieht um

Seckbacher Minimalismus: Die neue Heimat der Batschkapp kommt innen wie außen ohne jeden Schnickschnack aus. Bild: Kaufhold, Marcus

In Seckbach hat die Batschkapp eine neue Heimat gefunden. Die Diskokugel hängt schon, im Dezember geht es los. Das alte Haus in Eschersheim ist dann Geschichte.

          Ralf Scheffler sucht nach dem Klang. Im kleinen Tross spaziert der wohl dienstälteste Diskothekenbetreiber der Republik über den Parkplatz der neuen Batschkapp, den bangen Blick auf das Messgerät gerichtet. Drinnen hat der Tontechniker die Regler fast bis zum Anschlag aufgedreht, Robbie Williams kräht: „I don’t wanna rock, DJ!“ Das Messgerät verwandelt die Musik in Zahlen: Ganz hinten am Zaun zeigt es 48 Dezibel an. Aber direkt vor der Schallschutztür sind es deutlich mehr als 50. Scheffler ist unruhig. „Da müssen wir noch mal ran.“ Vielleicht lässt sich der Türspalt abdichten, zur Not muss eine Schleuse davor, aber das würde teuer. Dennoch, Scheffler ist einigermaßen erleichtert: „Mir ging ganz schön die Düse.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Schallpegel ist für eine Disko ein existentielles Problem. Klagende Nachbarn haben schon für manchen Musikklub das Ende bedeutet. Eigentlich sollte der Lärm kein Problem sein, denn die neue Batschkapp liegt mitten im Gewerbegebiet. Aber auch an der Gwinnerstraße in Seckbach darf es nachts nicht lauter als 50 Dezibel sein. Nebenan liegt ein Hotel. Und ein paar Hausmeisterwohnungen gibt es auch. Scheffler will es sich mit seinen neuen Nachbarn gar nicht erst verscherzen. Er hat keine Lust auf den Stress, deshalb dämmt er, was zu dämmen ist.

          Ein Haus im Haus gegen den Lärm

          Mit ihrer grau-roten Wellblechhaut sieht die neue Batschkapp ziemlich schmucklos aus. Von außen wurde die Backsteinhalle mit schallschützenden Blechen ummantelt. Auf mehr Design will Scheffler verzichten. Nur der Schriftzug kommt noch dran, das war es dann: „Die Umgebung ist schon bizarr genug.“ Würde der Wind durch die Straßen nördlich der Borsigallee wie im Western eine Kugel aus Gestrüpp rollen, es würde zur gespenstischen Stimmung in dem Gewerbegebiet passen. Dabei ist die Innenstadt gar nicht so weit entfernt: „Die Bornheimer können zu Fuß hinlaufen“, sagt Scheffler. Zwei U-Bahn-Linien fahren fast bis vor die Tür, und Parkplätze gibt es ohne Ende. Im Sommer sollen draußen vielleicht ein Biergarten und eine Würstchenbude öffnen, mehr nicht. Denn die Batschkapp lebt von innen.

          Das „Batschkapp“-Leben spielt sich nicht nur drinnen, sondern im Sommer auch draußen an und über den S-Bahn-Gleisen ab.

          Dort ist es ohrenbetäubend laut. Mehr als hundert Dezibel hat der Tontechniker beim Soundcheck eingestellt. Viel lauter dürfte auch die lauteste Band nicht spielen. Damit so wenig wie möglich davon nach außen dringt, wurde ins Innere ein Haus im Haus gesetzt und mit speziellen Rigipsplatten verkleidet, die besonders die tiefen Frequenzen schlucken. Die Batschkapp hat also drei Hüllen: Blechwand, Außenwand, Innenwand. Der Saal ist bis auf zwei gelbe Stahlträger pechschwarz gestrichen und fast kahl. Minimalistischer geht es kaum: An einem Ende stehen zwei lange Tresen, am anderen die Bühne. Die alten Kronleuchter, die in Eschersheim von der Decke baumelten, wird es nicht mehr geben. Aber dafür eine Empore.

          Schlechter Zustand des alten Gebäudes

          Die neue Batschkapp fasst 1500 Zuschauer. Endlich genügend Platz, meint Scheffler, denn die Enge war ein Grund für den Umzug. Offiziell durften in die alte Batschkapp nur 400 Gäste hinein. Das war vielen Konzertveranstaltern zu klein. Viele Bands haben deshalb um Frankfurt einen Bogen gemacht. Scheffler ist sich sicher: „Das wird sich ändern.“ Mit einem Vorhang kann man den neuen Saal teilen. Und sogar bestuhlte Konzerte und Veranstaltungen kann es geben.

          Der zweite Grund für den Umzug nach Seckbach war der Zustand des alten Gebäudes. „Wir hätten richtig Geld reinstecken müssen. Das lohnte nicht“, sagt der Mann in der Lederjacke. Seit mehr als 15 Jahren schon plant Scheffler den Umzug. Als dann vor einem Jahr konkret wurde, dass die Batschkapp nach 37 Jahren Eschersheim verlassen wird, haben vor allem die älteren Semester protestiert, die den Höhepunkt der Batschkapp in den achtziger und neunziger Jahren miterlebt hatten, als Punkrock und New Wave nach Frankfurt kamen. Eine solche Stätte könne man nicht einfach verlagern, an dem Gebäude hingen Erinnerungen an legendäre Konzerte und durchzechte Nächte. Scheffler kann das Gejammer nicht mehr hören. „Ich kann verstehen, dass das Herz der Leute da dran hängt. Ganze Generationen sind dort sozialisiert worden. Aber die machen nur einen Bruchteil des heutigen Publikums aus.“

          „Die Schwarzkittel“ tragen die alte Batschkapp zu Grabe

          Die Halle mit der Anschrift Gwinnerstraße 5 hat die Batschkapp langfristig von der Stadt gepachtet. Im Mai begann der Umbau. Ein Neubau hätte vier bis viereinhalb Millionen Euro gekostet. Da ist Scheffler mit den 2,6 Millionen Euro für den Umbau noch ganz gut bedient. „Ich hatte Glück, dass unser Architekt ein Pragmatiker ist.“ Der Umbau wird mit dem Verkauf des alten Grundstücks refinanziert. Es gehört dem Frankfurter Kulturzentrum, einem Verein aus Schefflers alten Sponti-Zeiten. Wahrscheinlich werden dort Wohnungen gebaut. Die alte Batschkapp wird jedenfalls abgerissen. „Schon aus psychologischen Gründen muss sie weg. Man muss die Schiffe hinter sich verbrennen“, sagt Scheffler.

          Die neue Halle in Seckbach ist fast fertig, die Discokugel hängt schon. Einen genauen Eröffnungstermin gibt es noch nicht, irgendwann Anfang Dezember geht es los. Der Endspurt läuft: Am Donnerstag hat ein Mann vom Ordnungsamt, der die Bar kontrollieren will, schon einmal sein Kärtchen überreicht.

          Am 31. Dezember steigt in Eschersheim die letzte Party. Zur Silvesterparty „Der Knall“ trifft sich die „schwarze Szene“. Scheffler findet es ganz passend, dass ausgerechnet „die Schwarzkittel“ die alte Batschkapp zu Grabe tragen.

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