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Wirtschaftswelt im Wandel : Droht das Ende der Krawatte?

Einst ein Symbol für die Seriosität der Geschäftswelt, heute fast verschwunden: Die Krawatte. Bild: Allstar/LIONSGATE TELEVISION

Jetzt auch die Geldhäuser: Die Sparkassen heben die Schlipspflicht auf, und die Privatbanken folgen. Dass es dem Binder an den Kragen geht, hat mit einem Wandel in der Wirtschaftswelt zu tun.

          3 Min.

          Die Schlips-Revolution in deutschen Büros hat sich schnell ausgebreitet. Es ist Freitagnachmittag in einer Frankfurter Filiale der Nassauischen Sparkasse, und alles ist wie sonst. Fast alles. Ein Mann Ende dreißig berät eine Frau am Schalter geduldig, der oberste Knopf seines hellblauen Hemds ist geöffnet, die Ärmel bis an den Ellenbogen hochgeschlagen. Ein solcher Aufzug wäre vor ein paar Jahren noch ein Sakrileg gewesen, das Kunden und Chefs verärgert hätte. Doch bei der Naspa, einer der größten Sparkassen des Landes, ist das künftig der Normalfall: Das Unternehmen hat die Krawattenpflicht für seine Mitarbeiter abgeschafft. Es folgt damit einem Trend.

          Daniel Schleidt
          Stellvertretender Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf den ersten Blick ist die Entwicklung nicht besonders bedeutend, die Krawatte ist schließlich nur ein modisches Accessoire am Hals des Mannes. Und doch war der Binder in Unternehmen, insbesondere am Finanzplatz Frankfurt, lange Zeit viel mehr: ein Symbol für die Seriosität der Geschäftswelt und der eigenen Person und damit zugleich eine Art Rückversicherung für seinen Träger, der sich mit der Krawatte auch als Teil einer bestimmten, erfolgsorientierten Gruppe auswies. Der Binder changiert mehr noch als der Anzug zwischen Uniformität und Individualität.

          Bunte Krawatten der Frankfurter Marke Bayam: Das Familienunternehmen verkauft Herren-Accessoires.
          Bunte Krawatten der Frankfurter Marke Bayam: Das Familienunternehmen verkauft Herren-Accessoires. : Bild: Carlos Bafile

          Männer mit Anzug und Krawatte: „Solange ich denken kann, ist das für Banker normal“, sagt Günter Högner. Der Vorstandsvorsitzende der Naspa ist 61 Jahre alt und findet, eingespielte Verhaltensweisen zu ändern sei oft nicht einfach. „Aber die Zeiten ändern sich.“ Deshalb hat sich eine interne Projektgruppe in dem Unternehmen mit dem Thema befasst, Mitarbeiter und Kunden befragt. Das Ergebnis ist ein Modemagazin, das den Beschäftigten zeigen soll, was in Zukunft modisch erlaubt und was weiterhin verboten ist: etwa das Tragen von zerrissenen Jeans oder Freizeitschuhen.

          Jugendliches Unternehmertum ist der neue Trend

          Die Naspa steht mit dem Krawatten-Verzicht nicht allein da: Als die Frankfurter Sparkasse im März ihre Geschäftszahlen vorlegte, trug erstmals kein Vorstandsmitglied Schlips. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs, die im Frankfurter Messeturm ihren Deutschland-Sitz hat, wirft den bisherigen Dresscode über Bord. Selbst im altehrwürdigen Frankfurter Bankhaus Metzler hat man den Mitarbeitern weitgehend freigestellt, wie sie sich kleiden möchten. „Das kommt auf die Situation an“, sagt ein Sprecher. So formuliert es auch die Naspa: Freiwilligkeit und Eigenverantwortung unter Berücksichtigung von Anlass und Kundengruppe seien Grundlage für den neuen Stil, heißt es.

          Sosehr die Krawatte jahrzehntelang stilbildend war, so sehr steht sie zunehmend für die Old Economy, für Konzerne, die Deutschland groß gemacht haben. Doch heute geben Unternehmen aus dem Silicon Valley den Trend vor. Dort geht es nicht mehr um den Nachweis deutscher Gründlichkeit durch einen akkurat sitzenden, sauber gebundenen Schlips, sondern darum, den Eindruck von Geschwindigkeit, Flexibilität und jugendlichem Unternehmertum zu erwecken.

          Unternehmenslenker haben es endlich erkannt

          Wer dazugehören will, geht diesen Weg mit. Bei der Naspa ist der Verzicht auf die Schlipspflicht auch der Kundennähe geschuldet: Viele Besucher, vor allem jüngere, erkennen sich in einem Bankberater mit Anzug und Krawatte nicht mehr wieder und sehen in ihm ein Relikt aus vergangener Zeit.

          Auch Unternehmenslenker haben das erkannt. Der Chef der Allianz, Oliver Bäte, tauchte zur Hauptversammlung des Versicherungskonzerns mit knallroten Schuhen zum Anzug auf; Daimler-Boss Dieter Zetsche zeigt sich seit Jahren schon gerne in Hemd, Jeans und weißen Sneakern; und der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, ließ beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Krawatte meist im Koffer.

          Ganz ausgestorben ist sie freilich nicht. Bei einem Festakt der Bundesbank vergangene Woche etwa trugen die Herren fast durchweg Schlips. Bei der Pressekonferenz der Landwirtschaftlichen Rentenbank eine Woche zuvor saßen den Journalisten ein Dutzend Männer aus der Führung des Unternehmens gegenüber – allesamt mit Binder. Auch in vielen Kanzleien und Beratungsunternehmen gehört die Krawatte immer noch zum guten Ton. Und, ja, es gibt Männer, die einen ganz banalen Grund haben, eine Krawatte zu tragen: weil es ihnen gefällt.

          Trotzdem scheint der Trend, dass ein Schlips möglich, aber keine Pflicht mehr ist, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, wie die Entscheidung der Sparkassen verdeutlicht. Das spüren auch die Einzelhändler. Wurden in Deutschland 2010 18,2 Millionen Krawatten verkauft, waren es im vergangenen Jahr nur noch 16,3 Millionen. Der Umsatz mit dem Accessoire sank in diesem Zeitraum von 137 Millionen Euro auf 93 Millionen Euro.

          Wer ins Frankfurter Gründerzentrum Tech-Quartier geht, findet niemanden im Business-Look, aber viele Träger von bunten T-Shirts, Kapuzenpullis und Turnschuhen. Neulich waren dort auf einer Veranstaltung auch namhafte Banker zu Gast. Einer von ihnen machte vor dem Eingang kurz halt – und zog schnell noch die Krawatte aus.

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