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Cembalo-Bauer Christian Fuchs : „Jedes Instrument ist ein Abenteuer“

Auf der Suche nach dem richtigen Ton: Der Cembalobauer Christian Fuchs stimmt ein Clavichord in seiner Werkstatt in Höchst. Bild: Müller, Norbert

Christian Fuchs ist ein Handwerker der besonderen Art: In seiner Werkstatt entstehen Cembalos nach jahrhundertealten Plänen.

          Das Instrumentenzimmer ist das Heiligtum. Drei Cembalos stehen dort. Eines strahlt ganz in Rot. Am Ende des Raumes steht ein zweites in französischem Stil, ebenfalls mit roter Grundierung, aber zusätzlich bemalt mit fernöstlichen Motiven - Vögel und eine Dschunke vor chinesischer Landschaft. Rechts schließlich der Höhepunkt: ein kunstvoll mit dem Gemälde „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch verziertes Instrument.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von diesem Zimmer aus verlassen die Cembalos die Werkstatt von Christian Fuchs. Die aufwendige Bemalung ist der letzte Schritt, gewissermaßen die Veredelung eines jeden seiner Instrumente. Davor steht für Fuchs mehrmonatige, akribische Handarbeit. Mühe, die sich in Deutschland kaum einer mehr macht. Nur noch zehn Cembalobauer fertigen hierzulande im Einmannbetrieb die edlen Instrumente. Früher hat es Werkstätten mit fünf oder sechs Lehrlingen gegeben, heute steht Fuchs allein in seiner Werkstatt und fertigt die filigranen Tasteninstrumente, die er bis nach Japan liefert.

          Eigentlich sollte er zur Uni

          Ohne Lehrlinge muss der 55 Jahre alte gelernte Klavierbauer von Anfang an alles selbst erledigen. Dafür nimmt er sich vor dem Bau eines jeden Instruments erst einmal originalgetreue Pläne, die Maße von Kollegen oder ein noch erhaltenes Cembalo vor. „Der Bau beginnt im Kopf“, sagt Fuchs. Es gehe zuallererst darum, das Instrument „zu verstehen“ und sich dessen Klang vorzustellen. Erst dann komme die praktische Arbeit: die Hölzer aussuchen, sie zuschneiden und sie schließlich zu einem klangschönen Musikinstrument verarbeiten.

          Sein Markenzeichen: Ein Fuchs hat sich der Erbauer dafür erwählt.

          „Ein Cembalo wird gebaut, ein Klavier in der Fabrik hergestellt.“ Das ist ein starker Satz für einen gelernten Klavierbauer. Fuchs’ Großmutter war selbst Pianistin, und auch er versuchte sich früh am Klavier. Und wenn ihm das Üben einmal zu langweilig wurde, dann schaute er sich das Instrument von innen an. Bei der Berufsberatung nach dem Abitur riet ihm ein älterer Herr dann aber eindringlich von einer Ausbildung zum Klavierbauer ab: Mit der Hochschulreife in der Tasche müsse man doch an die Universität gehen. Doch Fuchs beharrte auf seinem Wunsch und absolvierte ein Praktikum bei einem Klavier- und Cembalobauer. Und der bot ihm schon nach zwei Wochen eine Lehrstelle an. Das war 1981.

          Noch 2000 Originale weltweit

          Zwar glaubte er zunächst selbst nicht daran, dass er vom Cembalobau leben könnte. Doch die Faszination für das traditionsreiche Instrument war größer als die Angst vor mangelnden Verdienstmöglichkeiten. Vor allem das Kreative an der Arbeit zog ihn an - im Gegensatz zur stupiden Arbeitsteilung in einer Klavierfabrik, wo im Akkord ein Instrument nach dem anderen gebaut und ausgeliefert wird.

          Das Auge hört mit: Chinesische Motive zieren das Cembalo.

          Gut drei Jahrzehnte später steht der 55 Jahre alte Fuchs in Jeans und grauem Kapuzenpulli in seiner eigenen Werkstatt. Er hat sich im historischen Dalberger Haus in Höchst eingerichtet. Der Erzbischof von Mainz soll hier im 16. Jahrhundert für einige Tage residiert haben, in einer Zeit, als das Cembalo seine Blüte erlebte und in ganz Europa das klassische Tasteninstrument war. Vom 18. Jahrhundert an wurde das Cembalo dann allmählich vom Hammerklavier verdrängt. Und heute existieren gerade noch 2000 Original-Cembalos weltweit. Sie dienen Cembalobauern wie Fuchs als Vorlage für ihre neuen Instrumente.

          Werkzeug aus dem 19. Jahrhundert

          Der kleine Bruder des Cembalos ist das Clavichord. Es besteht nur aus einer Tastatur und einem kleinen Resonanzkörper und ist so klein und handlich, dass es auf einen Tisch gestellt werden kann. Viele Komponisten nutzten es einst zum Üben oder auf Reisen. Ein solches, halbfertiges Clavichord steht gerade auf der Werkbank von Fuchs. „Äußerst wohnungskompatibel“, sagt er und schmunzelt. Das kleine Instrument sei nämlich nicht nur sehr kompakt, sondern auch verhältnismäßig leise. Bach und Mozart hätten ihre Einfälle und Eingebungen deshalb mit Hilfe des Clavichords auch nachts ausprobieren können.

          Vor allem die handgeschnitzten Tasten werden äußerst filigran gearbeitet. „Wenn man die Taste herunterdrückt, muss man an der anderen Seite der Taste den eigenen Puls spüren können“, sagt Fuchs, der bei der Auswahl seiner Werkzeuge auf Bewährtes vertraut: Ein Stecheisen aus dem 19. Jahrhundert gehört ebenso zu seinem Repertoire wie ein Wagnerhobel. Damit schafft er es, in etwa zehn Wochen ein Clavichord fertigzustellen.

          Viele Kunden aus Osteuropa

          Insgesamt fertigt Fuchs etwa vier Instrumente im Jahr. Zwischen 10 000 und 40 000 Euro müssen die Kunden für eines seiner Cembalos auf den Tisch legen. Für einen solchen Preis bekommen Profimusiker noch nicht einmal eine gute Geige, und ein Flügel kostet leicht einen sechsstelligen Betrag.

          Fuchs’ Kunden sind professionelle Cembalisten. Viele stammen aus osteuropäischen Ländern, weil es dort keine große Tradition im Cembalobau gibt. Aber auch Japaner, die in Europa Musik studieren, landen in der Werkstatt von Fuchs. Bestellen sie heute ein Cembalo, müssen sie allerdings einige Zeit bis zur Auslieferung warten: Erst nach mehr als zwei Jahren kann Fuchs mit dem Bau beginnen, vorher muss er Altaufträge erledigen.

          Intensiver Kontakt zu Kunden

          Viele Kunden sind an einer eigenen „Handschrift“ des Instrumentenbauers interessiert. Trotz der historischen Vorlage bleibt dem Cembalobauer so ein kreativer Freiraum, ähnlich wie einem Musiker. „Der hat auch einen historischen Notentext, interpretiert ihn aber auf seinem Instrument immer wieder neu“, sagt Fuchs. Er kann den Klang und den Tonumfang nach seinem persönlichen Stil bei jedem Cembalo oder Clavichord immer wieder neu ausprobieren - aber die Vorstellungen des Kunden stehen am Ende natürlich im Vordergrund.

          Fuchs liebt diesen intensiven Kontakt mit seinen Kunden und die Herausforderung und Abwechslung, die ein neues Cembalo mit sich bringt. „Jedes Instrument ist ein Abenteuer“, sagt er und streicht langsam über die feine Holzoberfläche des französischen Cembalos mit der chinesischen Bemalung.

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