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Diabetes : Hilfe, ich bin zuckerkrank ...

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Ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte - für Diabeteskranke gar nicht so leicht zu verdauen. Bild: dpa

... und darf Schwarzwälder Kirschtorte essen: Wie mir ein Engpass zu einem neuen Lebensgefühl verhalf.

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          Mindestens sechs Monate lang, teilt die Apothekerin einem ihrer treusten Kunden mit, sei das Insulin-Präparat nicht lieferbar, das er brauche. Der Zuckerkranke ist schockiert. Ohne Medikamente kann er seinen Zuckerhaushalt nicht regulieren. Was das heißt, hat er erfahren, als er vor 30 Jahren dreimal nacheinander einen Herzinfarkt erlitt, weil seine Herzkranzgefäße verengt waren, so dass nicht mehr genug Blut durch die Adern fließen konnte, eine typische Nebenwirkung der Diabetes. Seither spritzt der nunmehr Achtzigjährige nach konventioneller Therapie eine Mischung aus kurzfristig wirkendem Normal-Insulin und langfristig wirkendem Basal-Insulin (Insuman Comb 25). Aufgeregt fragt er seine Hausärztin, welchen Wirkstoff er denn jetzt vorziehen soll. Aber die will das nicht entscheiden, ohne vorher einen Spezialisten zu Rate gezogen zu haben.

          Der empfohlene Diabetologe macht Urlaub. Der Ratsuchende fragt seinen Sohn, einen Internisten, ob er den Engpass nicht als Chance begreifen und von kombiniertem Insulin auf getrennt zu spritzendes Normal- und Basal-Insulin umstellen solle: Dann könne er doch leichter mal was zwischendurch essen. Davon rät der Sohn ab: „Papa, in deinem Alter stellt man nicht mehr um.“ Mit anderen Worten: „Mit deinen 81 Jahren bist du zu blöd, um vor jedem Essen die Kohlenhydrat-Einheiten zu berechnen, die du verzehren willst, und die entsprechende Dosis schnell wirkendes Normal-Insulin zu spritzen, ganz zu schweigen davon, dass du oft genug vergessen wirst, dir dann auch noch ein- beziehungsweise zweimal am Tag Basal-Insulin zu verabreichen.“ Kohlenhydrat-Einheiten? Früher hätte man - ungenau - Broteinheiten gesagt.

          Ein Teufelskreis der Insulingabe

          Der Spezialist ist aus dem Urlaub zurück. Es stellt sich heraus, dass der Arzt in einer Schwerpunktpraxis mit einer auf Diabetes spezialisierten Ernährungs- und Diät-Beraterin zusammenarbeitet. Die behält den Erstaunten gleich zu einer Schulung im Hause. „Keine Frage, Sie müssen umgestellt werden“, sagt die Fachfrau mit freundlicher Entschiedenheit, und schon am zweiten Schulungstag sind beim Patienten alle Zweifel verflogen: Er braucht nur noch halb so viel Insulin zu spritzen wie zuvor. Und fühlt sich trotzdem besser.

          Das kombinierte Insulin hatte offenbar nicht mehr richtig angeschlagen, nicht zuletzt, weil der Patient die Nadel des Insulin-Pens so oft in seinen Bauchspeck gestochen hatte, dass der resistent wie Hartgummi geworden war. Daher musste der nervös werdende Zuckerkranke immer mehr Insulin vereinnahmen, was seinen Hunger gesteigert hat, und dann spritzte er noch mehr. Ein Teufelskreis, der von heute auf morgen mit dem akut vor jedem Essen zu spritzenden Normal-Insulin Humalog und dem nur einmal am Tag zu spritzendem Basal-Insulin Toujeo durchbrochen wurde.

          Von einem Extrem ins andere

          In seiner Jubellaune fragt der alte Herr seine neue Bundesgenossin gegen die Zuckerkrankheit, ob er sich jetzt etwa auch seinen Lieblingswunsch erfüllen und Rote Grütze nach Büsumer Art oder Schwarzwälder Kirschtorte essen dürfe. Als er begütigend hinzufügen will, das sei nur ein Witz gewesen, antwortet Barbara Müller ernsthaft: „Warum nicht? Aber nicht jeden Tag und nur unter souveräner Berechnung der Dosis Normal-Insulin.“ Die moderne Medizin sei davon überzeugt, dass Diabetiker wie ein Kerngesunder alles essen dürften. Wieder zu Hause, neckt der übermütige Patient seine Frau: „Du, unsere Ehe ist gerettet: Ich darf wieder Kuchen essen!“ Bis zu seinem ersten Herzinfarkt hatten die beiden Arbeitsteilung befolgt: Sie tat nichts lieber, als Kuchen zu backen, hatte aber keinen Appetit darauf. Er übernahm die Aufgabe, die Kuchen zu verzehren. Als sich herausgestellt hatte, daß er Diabetiker Typ 2 sei und nach damals herrschender Doktrin nichts Süßes essen dürfe, war dieses Gleichgewicht gestört. Die Kuchen wurden meistens verschenkt, unter seinen vor Sehnsucht brennenden Augen.

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