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Kommentar zur Galopprennbahn : Manipuliertes Andenken

Die Stadt Frankfurt habe die Rennbahn 1938 dem Mäzen Carl Weinberg abgepresst, behaupten einige Anhänger des Renn-Klubs. Damit treiben sie nun ihre Interessenpolitik voran. Das geht zu weit.

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          Historiker können zwei Dinge gar nicht leiden: wenn Schriftstücke nicht genau, sondern dem Hörensagen nach zitiert werden. Und wenn mit Erkenntnissen, die sich vermeintlich aus der Geschichte ableiten lassen, platte Interessenpolitik in der Gegenwart betrieben wird. Geht es dann noch um Ereignisse aus der Zeit des „Dritten Reichs“, ist das Maß endgültig voll.

          Einige Anhänger des Galoppsports in Frankfurt erfüllen derzeit alle diese Kriterien: Sie behaupten, dass dem Mäzen Carl von Weinberg (oder vielleicht auch seinem Bruder Arthur von Weinberg, so genau ließ sich das auf die Schnelle wohl nicht klären) einst die Rennbahn in Niederrad gehört habe. Und sie sagen, dass die Stadt Frankfurt, die sie ihm zu einem lächerlichen Preis abgepresst habe, im Kaufvertrag festgeschrieben habe, die Rennbahn solle „für alle Zukunft“ nur dem Galoppsport dienen. Wer jetzt anderes plant, vergeht sich nach dieser Argumentation am Andenken der Familie von Weinberg.

          Wechsel der Tonlage empfehlenswert

          So viel ist wahr und verbürgt: Den Weinbergs, geadelten und zum Christentum konvertierten Juden, die es als Industrielle und Kaufleute zu Reichtum und als Wissenschaftler und Mäzene zu Ansehen gebracht hatten, wurde ihr Besitz vom Naziregime für eine lächerliche Summe abgepresst. Aber nach allem, was die erhaltenen Akten sagen, gehörte die Rennbahn nicht dazu. Und so konnten die Weinbergs auch keine Nutzung festlegen. Carl von Weinberg hat in einem Vertrag ein gutes Wort für den Golfclub eingelegt, für mehr hätte seine Verhandlungsposition auch kaum ausgereicht.

          Doch mit herrenreitermäßiger Nonchalance wird nun versucht, die Stadt Frankfurt und den Deutschen Fußball-Bund mit einer Geschichtsklitterung unter Druck zu setzen. Das (hoffentlich unabsichtlich) manipulierte Andenken der Weinbergs wird dazu benutzt, den Plan eines DFB-Leistungszentrums zu hintertreiben. Bei allem Verständnis für die Empörung, die die Freunde des Turfsports angesichts des drohenden Endes der Rennbahn empfinden - das geht zu weit. Echte Anhänger des Pferdesports sollten schleunigst für einen Wechsel der Tonlage sorgen. Schließlich braucht der Renn-Klub die Stadt und nicht umgekehrt.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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