https://www.faz.net/-gzg-71aju

Deutschsommer : Das Verb ist der Chef im Satz

  • -Aktualisiert am

Ferien, die schlau machen: Der „Deutschsommer“ ist Schule und doch ganz anders als Schule. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Der „Deutschsommer“ macht Schule. Mittlerweile finden Sprachcamps für Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen in Kassel, Offenbach und Schwalbach statt. Auf der Wegscheide lernen derzeit 50 Frankfurter Schüler.

          4 Min.

          Wer hat im Schullandheim Wegscheide derzeit das Sagen? Es ist das Verb. Nach anderthalb Wochen „Deutschsommer“ wissen die 50 Drittklässler, die hier in den ersten drei Wochen der Sommerferien ihr Deutsch verbessern, dass das Verb der Chef im Satz ist. Bei Aussagen regiert es immer von der zweiten Stelle aus das Satzgefüge. Lehrerin Susanne Matschischk hat ein Beispiel an die Tafel geschrieben: „Tom geht über den Friedhof.“ Ihre Schüler variieren den Satz: „Ängstlich geht Tom über den Friedhof“ oder „In der Dunkelheit geht Tom über den Friedhof“. Das Verb als Chef des Satzes nimmt immer denselben Platz ein. Das ist die wichtige grammatikalische Regel, die die Mädchen und Jungen ihres Kurses in der ersten Woche des „Deutschsommers“ gelernt haben.

          Solche Regeln sind diesen Kindern wenig vertraut. Sie sprechen zwar allesamt mehr oder weniger gut Deutsch.Aber es ist ein rein gesprochenes Deutsch, viele Sätze bleiben unvollständig: „Kann ich Wasser?“ oder „Gibst du Handy?“. Im „Deutschsommer“ lernen die Kinder dagegen unterrichtsfähiges Deutsch. Perfekt werden sie die deutsche Sprache nach den drei Wochen zwar gewiss nicht beherrschen. Aber erfahrungsgemäß verbessern sich die Teilnehmer allesamt, manche sogar so sehr, dass sie nach der vierten Klasse eine Gymnasialempfehlung bekommen.

          Auf spielerische Weise lernen

          Zwei Stunden lang beugt die Grundschullehrerin Matschischk Verben nach allen Regeln der Kunst.Ihre Schüler lernen außerdem, dass in Fragesätzen das Verb den ersten Platz übernimmt: „Liest du das Buch?“ Fünfzehn Mädchen und Jungen sitzen im Kreis und üben schließlich, Sätze so spannend zu machen, dass der Zuhörer eine Gänsehaut bekommt. „Hugo fliegt“, steht an der Tafel. Nach kurzem Nachdenken haben die Schüler ihn dramatisch erweitert: „Hugo fliegt über den nebligen und furchtbaren Friedhof.“ Hugo ist übrigens ein Gespenst, das die Kinderbuchautorin Cornelia Funke erfunden hat, deren Buch „Gespensterjäger“ Grundlage des Deutschlernens im „Deutschsommer“ ist.

          Im Jahr 2007 hatte die Stiftung Polytechnische Gesellschaft den ersten „Deutschsommer“ ausgerufen. In drei Feriencamps lernten Drittklässler mit schlechten Deutschkenntnissen Satzbau und Grammatik. Aber nicht im stupiden Pauksystem, sondern auf spielerische Weise, die unter anderem auch auf sprachintensives Theaterspiel setzte. Schon die Ergebnisse dieses ersten „Deutschsommers“ sprachen für sich. Im Laufe der drei Wochen verbesserten sich fast alle Kinder, manchem wurde zum ersten Mal klar, dass Sprache nach Regeln abläuft und dass die Kenntnis einiger Grundregeln hilft, richtig zu sprechen.

          Zum Abschluss ein Theaterstück

          Der „Deutschsommer“ ist kein billiges Sprachförderprogramm. Die Kinder wohnen drei Wochen lang in einer Jugendherberge, sie bekommen Essen und Trinken, jede Gruppe wird von einem Sprachlehrer, einem Theaterpädagogen und einem Sozialarbeiter betreut. Je Teilnehmer fallen Kosten von etwa 2000 Euro an, die von der Polytechnischen Stiftung als Organisator und anderen Stiftungen wie Citoyen, Peter Fuld oder der Carls-Stiftung getragen werden. Die Eltern der Teilnehmer zahlen eine eher symbolische Gebühr in Höhe von 50 Euro. Doch auf diesen kleinen Beitrag legen die Organisatoren Wert, weil die Familien der Sprachschüler auf diese Weise eingebunden werden und dem Sommerprogramm für ihre Kinder mehr Wertschätzung entgegenbringen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die schönen Blütenträume vom Sommer welken: Ein Kölner Theater verabschiedet sich in den neuen Lockdown.

          Folgen des Shutdowns : Von Montag an im Winterschlaf

          Wie viel Symbolpolitik verträgt Kultur? Wieso sind Theaterbühnen und Konzerthäuser auf einmal nur noch Freizeitunterhaltung? Und wo endet die Privatsache? Gedanken von Redakteuren des Feuilletons zu einer drastischen Entscheidung.
          Der amerikanische Rapper Lil Wayne

          Wahl in Amerika : Ein Rapper für Donald Trump

          Es gibt nur wenige berühmte, amerikanische Musiker, die sich offen hinter Präsident Donald Trump stellen. Nun bekommt der Republikaner Unterstützung von einem Rap-Star. Dieser lobt Trumps Pläne für Schwarze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.