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Private Altersvorsorge : Mit sanftem Druck zur „Deutschland-Rente“

  • -Aktualisiert am

Das staatliche umlagefinanzierte Rentensystem stößt an seine Grenzen: Hessens Finanzminister Schäfer (CDU) Bild: dpa

Die hessische Landesregierung und die Verbraucherzentrale plädieren für eine Alternative zu den Riester-Modellen: die „Deutschland-Rente“ auf Basis von Wertpapieren. Denn: Vor allem Geringverdiener machen sich zu wenige Gedanken über die Rente.

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          Die hessische Landesregierung wirbt gemeinsam mit der Verbraucherzentrale für eine staatlich geförderte, privat finanzierte Alternative zur Riester-Rente. Betriebliche und private Altersvorsorge seien in Deutschland unterentwickelt, argumentierten Finanzminister Thomas Schäfer, Sozialminister Stefan Grüttner (beide CDU) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) in Wiesbaden. Als zusätzlichen Baustein für die Altersversorgung hatten sie deshalb im Dezember eine „Deutschland-Rente“ vorgeschlagen. In diese müssten alle Arbeitnehmer, die nicht dezidiert widersprächen, Beiträge einzahlen, die um eine staatliche Zulage aufgestockt würden. Das Angebot richte sich vor allem an untere Einkommensgruppen und an Beschäftigte kleiner Firmen, die keine betriebliche Altersvorsorge anböten, sagt Minister Grüttner. Derzeit fänden Diskussionen auf Fachebene statt, für Ende des Jahres sei eine hessische Gesetzesinitiative im Bundesrat geplant.

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aus Sicht von Jutta Gelbrich, Vorstand der hessischen Verbraucherzentrale, könnte die „Deutschland-Rente“ ein verlässliches und allgemein verständliches Standardprodukt für jene sein, die in die seit 2002 bestehende Riester-Rente kein Vertrauen hätten. Nur sieben Prozent der Hessen glauben nach einer Umfrage der Verbraucherzentrale aus dem Jahr 2013, dass Riester-Produkte vor Altersarmut schützten. Nur knapp ein Drittel vermochte nach Angaben von Gelbrich erklären, was ihr Vorsorgeprodukt koste und mit welchem Ergebnis sie im Alter rechnen könnten. 58 Prozent befürworteten einen staatlich verwalteten Bürgerfonds als Alternative.

          Ohne hohe Vertriebskosten und Vermittlungsprovisionen

          „Eine Reform der privaten Altersvorsorge ist längst überfällig“, schließt die Verbandschefin aus den Umfrageergebnissen. Die bisherigen Angebote seien teuer und lohnten sich angesichts der aktuell niedrigen Zinsen nur für diejenigen, die sicher wüssten, dass sie 100 Jahre alt würden. Die Verbraucherzentrale unterstütze eine auf Selbstkostenbasis, ohne hohe Vertriebskosten und Vermittlungsprovisionen vom Staat organisierte und garantierte Offerte. Um zu erfahren, wie das Konzept einer „Deutschland-Rente“ in der Bevölkerung ankommt, hat die Verbraucherzentrale gestern eine Online-Umfrage unter der Adresse www.verbraucher.de begonnen.

          Geringe Geburtenzahlen und steigende Lebenserwartung sorgten dafür, dass das staatliche umlagefinanzierte Rentensystem an seine Grenzen stoße, sagte Finanzminister Schäfer. Wer nicht hinnehmen wolle, dass der Lebensstandard vieler Menschen mit dem Ende ihrer Erwerbstätigkeit deutlich sinke und Altersarmut erheblich zunehme, müsse jetzt gegensteuern und der betrieblichen und privaten Altersvorsorge einen Schub geben. Derzeit hätten in Deutschland 50 Prozent der gesetzlich Rentenversicherten keine betriebliche oder private Altersversicherung. Gerade Menschen mit niedrigen Einkommen machten sich bisher am wenigsten Gedanken über eine private Zusatzversorgung.

          Die komplexen und zum Teil „völlig überteuerten“ Riester-Produkte wirkten abschreckend, Arbeitgeber und Arbeitnehmer fühlten sich überfordert, äußerte Al-Wazir. Die „Deutschland-Rente“ sei hingegen einfach, kostengünstig und transparent. Anders als die Riester-Rente soll sie als „Opt-out“-Modell angeboten werden, das heißt, dass jeder Arbeitnehmer automatisch Beiträge vom Nettolohn abgezogen bekommt, sofern er bei seinem Arbeitgeber nicht ausdrücklich widerspricht. Mit dieser Form des „sanften Drucks“, erläuterte Schäfer, sei der Anteil privat Rentenversicherter in Großbritannien binnen dreier Jahre von 47 auf 64 Prozent der Beschäftigten gestiegen. Junge Menschen würden so dazu animiert, sich frühzeitig mit dem Thema Rente zu beschäftigen.

          Bereits mit geringen Eigenbeträgen könnten sich dank der zusätzlichen staatlichen Förderung viele, die derzeit nicht viel Geld zur Seite legen könnten, eine „nennenswerte“ Vorsorge aufbauen, warben die drei Minister. Die „Deutschland-Rente“ werde zum Selbstkostenpreis von einem gesetzlich abgesicherten zentralen Rentenfonds verwaltet. „Ein politischer Zugriff auf eingezahlte Beiträge ist ausgeschlossen.“

          Norwegischer Staatsfonds als Vorbild

          Als Vorbild für die „Deutschland-Rente“ gilt der aus den Öl-Einnahmen des Landes gespeiste norwegische Staatsfonds. Der legt sein Geld in festverzinslichen Anleihen sowie riskanteren Aktien, die zuletzt 61 Prozent des Fondskapitals ausmachten, und neuerdings auch in Immobilien an. Die kommen auf gut drei Prozent im Staatsfonds, der im längerfristigen Mittel eine Rendite von etwa fünf Prozent erzielt hat. Zum Vergleich: Ein Sparbuch wirft derzeit rund 0,02 Prozent im Jahr ab, auch die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt weit unter einem Prozent. (thwi.)

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