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Schutz gegen Corona : Die Virenkiller aus Wiesbaden

  • -Aktualisiert am

Systemrelevant: Die Firma Kreussler sorgt dafür, dass etwa Pfleger und Ärzte keimfreie Berufskleidung tragen. Bild: Unternehmen

Die Waschmittel der chemischen Fabrik Kreussler sorgen für keimfreie Wäsche in Kliniken und Pflegeheimen – und helfen auch im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

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          Es sind beeindruckende Zahlen: Mehr als sieben Millionen Kilogramm Hosen, Kittel, Jacken und Hemden in Deutschland oder 16 Millionen Kilogramm in Europa werden jeden Monat mit den desinfizierenden Waschmitteln des Wiesbadener Unternehmens Chemische Fabrik Kreussler & Co. GmbH behandelt. Ob in Altenheimen, in Kliniken oder bei der Feuerwehr: Die Kreussler-Produkte töten bei richtiger Anwendung auch Coronaviren ab. Im Kampf gegen die Pandemie sind die Wiesbadener somit systemrelevant. Das weiß auch Pharma-Geschäftsführer Stephan Travers, der mit dem Erfolg des mittelständischen Betriebs durchaus zufrieden ist. Die im Zuge der Corona-Krise aufgekommene Diskussion über Lieferengpässe von Arzneimitteln bezeichnet er indes als „schwer erträgliche Heuchelei“ und kritisiert massiv die Gesundheitspolitik der Bundesregierung der vergangenen Jahre.

          Travers, Urenkel des Firmengründers, führt gemeinsam mit seinem Co-Geschäftsführer Helmut Eigen, der für die „Textile Care“-Sparte zuständig ist, das 1912 gegründete Familienunternehmen im Stadtteil Biebrich mit seinen rund 200Mitarbeitern in vierter Generation durch schwierige Zeiten. Zwar werden die Produkte der Textile-Care-Sparte in professionellen Wäschereien in ganz Deutschland, in Europa und auch in Übersee eingesetzt, mit erheblichen Umsatzsteigerungen aufgrund des zuletzt stark gestiegenen Bedarfs an keimfreier Wäsche ist indes nur bedingt zu rechnen. Die Nachfrage aus Kliniken, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdiensten wird laut Eigen zwar steigen, gleichzeitig sind jedoch die Geschäfte von Kunden aus der Hotellerie, Gastronomie und der Lebensmittelbranche, deren Arbeitskleidung professionell gewaschen wird, aufgrund der Krise zum großen Teil geschlossen. „Im Krankenhausbereich läuft es derzeit gut, wir merken eine deutliche Steigerung im Absatz. Das hängt aber nicht damit zusammen, dass dort mehr gewaschen wird, sondern die Wäschereien der Kliniken decken sich mit mehr Produkten ein. Das ist eine Vorsichtsmaßnahme“, ist Eigen sicher.

          „Wir liefern den gesamten Service“

          Das erscheint sinnstiftend, denn die ausschließlich am Wiesbadener Standort produzierten Waschmittel sorgen dafür, dass Schwestern, Pfleger, Ärzte und auch die Mitarbeiter der Rettungsdienste sicher in ihre Berufskleidung schlüpfen können, ohne eine Ansteckung fürchten zu müssen. Die Produkte und Verfahren der Kreussler-Gruppe sind vom Berliner Robert-Koch-Institut zertifiziert.

          „Wir stellen nicht nur die Waschmittel her, sondern wir liefern den gesamten Service“, erläutert Eigen das Produktportfolio. Dazu gehört unter anderem, dass bei Kunden die Waschverfahren der vollautomatischen Systeme justiert werden. „Sie müssen sich das wie eine große Autowaschstraße vorstellen“, sagt Eigen und ergänzt: „Die größte Wäscherei, die wir derzeit bedienen, wäscht 80 Tonnen am Tag.“ Dafür müsse sowohl die Logistik als auch die Anwendungstechnik so eingestellt werden, dass die Waschmittel der Wiesbadener ihre optimale Wirkung entfalten können. „Unser Job ist es, dafür zu sorgen, dass etwa OP-Kleidung, Bettwäsche und Wäsche aus der Lebensmittelbranche auch wirklich desinfizierend gewaschen wird“, stellt der Geschäftsführer klar.

          Unmut über Pharmaindustrie in Deutschland

          Um ihren langjährigen Kunden durch die Krise zu helfen, hat die Kreussler GmbH nun auch die Produktion von Handdesinfektionsmitteln aufgenommen. Das aber, so berichten Travers und Eigen übereinstimmend, ist gar nicht so einfach, weil beispielsweise die Beschaffung von Packmitteln wie Kunststoffflaschen schwierig sei. Eine weitere große Herausforderung ist, die internationalen Lieferketten des Unternehmens nicht reißen zu lassen. Geschäftsführer Travers macht aus seinem Unmut kein Geheimnis, wenn derzeit öffentlich moniert wird, dass viele Arzneimittel nur noch in China und Indien produziert würden. Er kritisiert die Rahmenbedingungen der Pharmaindustrie in Deutschland. Die kennt Travers sehr gut, denn die von ihm geleitete Pharma-Sparte stellt verschreibungspflichtige Arzneimittel und medizinische Mundspüllösungen her, die antibakteriell sowie antiviral wirken und ebenfalls in Kliniken und Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden. „Seit der Blüm’schen Gesundheitsreform gab es für heimische Pharmaunternehmen unter jeder Bundesregierung immer nur weitere gesetzliche und behördliche Erschwerung und Verteuerung der Produktionsbedingungen bei gleichzeitiger Beschneidung der Arzneimittelverkaufspreise“, sagt Travers und weist darauf hin, dass für die wichtigsten Arzneimittel von Kreussler seit 2009 ein Preismoratorium gelte. Allein 2019 habe das Wiesbadener Unternehmen mehr als 1,1 Millionen Euro „Herstellerzwangsrabatt“ an die gesetzlichen Krankenversicherungen zahlen müssen. Dieser summiere sich seit 2003 auf insgesamt mehr als acht Millionen Euro. Vor diesem Hintergrund müsse man sich als Hersteller manchmal fragen, warum man überhaupt noch in Deutschland und nicht in Asien produziere, wenn „das Arzneimittel der Politik und der Gesellschaft in Deutschland praktisch nichts wert ist“, so der Geschäftsführer.

          Sicherheit  für Kunden und Mitarbeitern

          Unabhängig von der Kritik an der Politik sorgt das Unternehmen weiter für Sicherheit von Kunden und Mitarbeitern: Bereits Ende Februar wurde ein Corona-Krisenstab gebildet, seit Ende März müssen die Mitarbeiter Masken tragen, sobald sie ihre Büros verlassen. Wer Erkältungssymptome zeigt, muss zu Hause bleiben, viele Mitarbeiter arbeiten derzeit ohnehin im Homeoffice.

          Damit der Produktions- und Lieferbetrieb aufrechterhalten werden kann, sind laut Travers noch etwa 100 der rund 190 Mitarbeiter am Standort anwesend. Wie es weitergeht, ist allerdings offen. Die Geschäftsführer schließen nicht aus, dass für Angestellte im Innendienst und Vertrieb Kurzarbeit angemeldet werden muss, weil ganze Märkte versiegen und im Geschäft mit medizinisch nicht dringend notwendigen Arzneimitteln mit „dramatischen Einbrüchen“ zu rechnen sei.

          Die Wiesbadener konzentrieren sich folgerichtig auf ihre systemrelevante Kernkompetenz. „Die Arzneimittel- und Waschmittelproduktion mit den unterstützenden Laboren und der Industrie-Infrastruktur sowie die Logistik müssen in jedem Fall am Standort aufrechterhalten werden“, stellt Travers klar.

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