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Deutsche Bahn : Kreativität beim Kundenfang

  • -Aktualisiert am

Stricken macht Laune: Monika Löffler (rechts) im Kreativzug. Bild: Kühfuss, Patricia

Zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen. Die Deutsche Bahn will Reisenden mit einer Werbeaktion zeigen, wie sie ihre Zeit im Zug besser nutzen können. Einer der Vorschläge: Stricken.

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          Marcel Glatz, 17 Jahre alt, sitzt im ICE 76 nach Hamburg. Vor ihm auf dem kleinen Ausklapptisch steht ein grau-weißer Pinguin aus Origami-Papier. Eigentlich sei er künstlerisch nicht sonderlich begabt, sagt Marcel. Der Pinguin aber ist ihm wirklich gelungen. Er sieht fast genauso aus wie in der Bastelanleitung.

          Der sogenannte „Kreativwagen“, in dem Marcel sitzt, ist Teil einer Marketing-Kampagne, mit der die Bahn seit April unter dem Motto „Diese Zeit gehört Dir“ für die Vorzüge des Zugfahrens wirbt. Die Bahn möchte ihren Kunden zeigen, dass man die Reisezeit in ihren Zügen nicht nur absitzen muss, sondern künstlerisch und kurzweilig gestalten kann. Der Name des Kreativwagens ist Programm. Der Waggon ist entsprechend dekoriert. In den Gepäckfächern über den Sitzen liegen offene Koffer, aus denen Wollknäuel und hölzerne Stricknadeln hervorquillen. Künstlicher Efeu hängt von den Kleiderhaken an den Fenstern herab. In der Mitte des Großraumabteils, wo sich die Kofferablage befindet, liegen unzählige Materialien aus: Origami-Sets, Häkel- und Strickutensilien, Malbücher, Postkarten oder auch Gesellschaftspiele. Zu den Aktivitäten reicht das Zugpersonal Vitamin-Smoothies.

          Mützen häkeln gegen Langeweile

          Suvrajit Saha sitzt an einem der Tische und malt mit einem Federkiel kunstvolle Buchstaben aufs Papier. Der 36 Jahre alte Ingenieur betreibt seit 15 Jahren in seiner Freizeit Kalligraphie, die Kunst des Schönschreibens. Im Rahmen eines Wettbewerbs hat Saha ein paar seiner Zeichnungen, die er während einer Zugfahrt angefertigt hatte, auf der Website der Bahn hochgeladen. Das Unternehmen hat ihn daraufhin eingeladen, unentgeltlich im Kreativzug mitzufahren und Interessierte in der Kalligraphie zu unterweisen. Das Kunsthandwerk richtig zu erlernen dauere natürlich länger als eine Zugfahrt, sagt Saha. Er wolle zumindest für das exotische Hobby begeistern. Das gelingt ihm offensichtlich. Die beiden kleinen Mädchen, deren Namen er soeben als kleine Kunstwerke gestaltet hat, sind jedenfalls völlig aus dem Häuschen.

          Monika Löffler, 64 Jahre alt, hat ebenfalls an dem Wettbewerb teilgenommen. „Eigentlich wollte ich eine Bahncard 100 gewinnen“, sagt Löffler und lacht. Über die Einladung in den Kreativitätswagen habe sie sich trotzdem gefreut. Sie sitzt nun im Zug, um Mitfahrende beim Stricken zu instruieren. Um sie hat sich eine heitere Tischgesellschaft formiert. Auch der zwölfjährige Immanuel Gregorius hat sich kurzerhand hinzugesellt und häkelt eine Mütze. Er ist froh, auf der langen Fahrt etwas zu tun zu haben, und hofft, dass die Bahn derartige Aktivitäten bald in allen Zügen anbietet.

          Pünktlichkeit wichtiger als Bastelstunde

          Danach sieht es vorerst nicht aus, auch wenn die Kampagne nach Angaben des Konzerns gut ankommt. „Wir können das schon aus Kostengründen nicht in jedem Zug machen“, sagt Christine Schlosser, die die Kampagne mitverantwortet. Dass die Serviceoffensive eine Reaktion auf den immer härteren Konkurrenzkampf mit der Fernbusbranche sei, bestreitet Schlosser. Man wolle aber künftig mit mehr Service- und Geschenkaktionen bei den Kunden punkten.

          „Häkeln und Stricken schön und gut. Mir ist vor allem wichtig, dass der Zug pünktlich ist“, meint wiederum Frank Schreiner, 45 Jahre. Als Mitarbeiter einer Bank reist er von Frankfurt aus mit der Bahn durch das gesamte Bundesgebiet. Die ständigen Verspätungen nerven ihn. Dass es noch immer kein kostenloses W-Lan in der zweiten Klasse gebe, sei eigentlich ein Skandal. Bis Mitte 2016 will auch die Bahn diesen Service einführen.

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