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Deutschland und Frankreich : Macron und die Karte Europa

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Frankreich, Deutschland und die EU: Stereotype abbauen und die Kommunikation verbessern Bild: Wiesinger, Ricardo

Die Deutsch-Französische Gesellschaft in Frankfurt freut sich über regen Zulauf. Für den deutsch-französischen Motor in der Europäischen Union macht ihr Präsident mehrere Aufgaben aus.

          Anna Maria Moll hat noch viele Fragen. Ihre Liste verlängert sich jeden Tag. Sie will die Antworten in Taizé finden. Die Sechzehnjährige war schon dreimal dort – und will wieder hin. Sie ist fasziniert von dem kleinen Dorf in Frankreich. Sie kann nicht aufhören, an ihre Erfahrungen zu denken. Deshalb schrieb sie alles auf. Herausgekommen sind neun Seiten – auf Französisch.

          „Taizé – un lieu spirituel“, Taizé, ein spiritueller Ort, heißt der Titel ihres Aufsatzes. In der Gemeinde im Osten Frankreichs, im Burgund gelegen, treffen sich Jugendliche aus der ganzen Welt. Sie beten, singen, lernen einander kennen, halten gemeinsam inne. Moll gewann mit dem Text über ihren Aufenthalt in Taizé den Schülerpreis der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) Frankfurt. Die Jury war beeindruckt, wie offen sich die Protestantin äußerte.

          Fragen und Zweifel

          Moll spricht in ihren Zeilen zu Gott. Es sei das erste Mal, dass sie das tue, schreibt die Hofheimerin. Sie wisse nicht, ob „Du wirklich existierst und ob man an Dich glauben soll, oder nicht“. Falls ja, möchte sie Gott etwas sagen. Etwa, dass sie sich in Taizé ihrem christlichen Glauben annähere. Auf der anderen Seite entferne sie sich, aufgrund der vielen Fragen und Zweifel. Dennoch: In Taizé verlasse sie ihre Komfortzone und setze sich mit sich auseinander.

          Moll, die in die elfte Klasse der Main-Taunus-Schule in Hofheim geht und Französisch im Grundkurs lernt, erhielt 600 Euro für ihren ersten Platz. Ihre Schule bekam 300 Euro. Die Gesellschaft gibt insgesamt 3000 Euro für vier Preise in Grund- und Leistungskursen für Schüler und ihre Schulen im Rhein-Main-Gebiet aus. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die französische Sprache zu fördern. Die Schulen können mit dem Geld etwa Französisch-Lernmaterial kaufen, die Schüler nach Frankreich reisen.

          Stereotype abbauen und die Kommunikation verbessern

          Die Verleihung des Preises fand in diesem Jahr am 22. Januar statt – dem 55. Jahrestag des Elysée-Vertrages. Der frühere französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichneten 1963 das deutsch-französische Freundschaftswerk. Es beendete die jahrhundertelange Erbfeindschaft der beiden Staaten, verpflichtete sie zur Zusammenarbeit in der Außen- sowie Sicherheitspolitik und begründete einen Jugendaustausch.

          Dem Erhalt der „amitié franco-allemande“ hat sich auch die Deutsch-Französische Gesellschaft verschrieben. In diesem Jahr feierte die Frankfurter DFG ihren 80. Gründungstag. Ihr Ziel ist es, dass die Deutschen Frankreich besser verstehen, sie Stereotype abbauen und die Kommunikation besser wird. „Die beiden Länder sind in den vergangenen zehn Jahren auseinander gedriftet“, sagt Christophe Braouet. Er ist der Präsident der DFG Frankfurt und hat ein Gespür für das Verhältnis. Braouet hat beide Nationalitäten.

          Frieden gilt als selbstverständlich

          Der Direktor der Helaba, dunkelblauer Anzug, rote Krawatte, braun-blondes Haar, frisch rasiert, sitzt an einem schwülen Junitag im 48. Stock in seinem Büro im Main Tower und erfreut sich an einem Gewitter. „Das ist toll“, sagt er, als es blitzt und wenige Sekunden später donnert. „Von hier oben kann man sehen, wie die Gewitter über die Stadt ziehen. Einmal dachte ich, es frisst mich auf.“

          Der Sechzigjährige kam 1997 nach Deutschland, seine Frau ist Deutsche, seine drei Kinder wachsen zweisprachig auf. Eltern wie Kinder kennen die Zeiten, in denen zwischen Deutschland und Frankreich Krieg herrschte, nur aus Geschichtsbüchern. Frieden hingegen gilt in beiden Generationen als selbstverständlich. „Es entsteht der Eindruck, dass man sich um das Verhältnis nicht mehr kümmern muss“, sagt Braouet.

          Alle würden sich auf das Credo „Nie wieder Krieg“ verlassen. Das allein reiche heute aber nicht mehr, andere Motive müssten hinzukommen. „Zum Beispiel, dass die Deutschen die Franzosen noch besser verstehen müssen. Auch wenn viele das Land schon gut kennen.“ Als wichtigen Moment in der deutsch-französischen Geschichte sieht er Verdun 1984. Helmut Kohl und François Mitterand gedachten auf einem Soldatenfriedhof Hand in Hand der Opfer. Der Präsident erinnert sich auch an Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie sich nach den Terroranschlägen in Paris im Januar 2015 an Hollande anlehnte.

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