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Go East-Festival : Endstation Grenzregion?

  • Aktualisiert am

Wohin des Wegs? Szene aus „Destination Serbistan“ Bild: Go East-Festival

Der Mann mit geschwollenen Füßen am Lagerfeuer ist einer von vielen Heilssuchern, die in Europa eine neue Heimat zu finden hoffen. Ihren Alltag bringt Želimir Žilnik in „Destination Serbistan“ auf die Leinwand.

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          Aus Anlass des Wiesbadener Filmfestivals Go East für den mittel- und osteuropäischen Film ist das Projekt kritikerblog.com fortgesetzt worden. Die Plattform für junge Filmkritik ist Teil des Lichter Filmfests Frankfurt International www.lichter-filmfest.de, während dessen 2015 ein zweites Mal ein Workshop junger Filmkritiker stattgefunden hat. Er wird getragen von der  Hessischen Film- und Medienakademie in Kooperation mit der Frankfurter Goethe-Universität, und geleitet von Bert Rebhandl. In Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird ein Text ihrer Auswahl hier dokumentiert, sie fiel auf den Film „Destination Serbistan“ von Želimir Žilnik und dessen Rezension durch Theresa Friedlmeier.  Auf der Internetplattform kritikerblog.com, der von den Studenten betreiben wird, sollen junge Filmkritiker auch jenseits des Workshops Texte veröffentlichen können. (emm.)

          Endstation Grenzregion? – Destination Serbistan

          Von Theresa Friedlmeier

          In einer Scheune im Niemandsland nahe der ungarischen Grenze sitzt ein Mann am improvisierten Lagerfeuer, seine Füße auf die doppelte Größe angeschwollen, rot und teilweise abgestorben vom Schnee, den er durchwandert hat auf seinem Weg von Syrien über die Türkei und Bulgarien bis Serbien, in der Hoffnung auf neue Heimat – und ohne Schuhe. Er ist einer von vielen Heilssuchern, die ihre Heimat verlassen haben, um in Europa eine neue zu finden, im Gepäck kaum mehr als Illusionen vom gelobten Land. Den Alltag dieser Menschen bringt Regisseur Želimir Žilnik in „Destination Serbistan“ auf die Leinwand. Alltag im Transit, in Auffanglagern, in Baracken, in Heimen und auf der Straße – stets im Dazwischen von Hoffnung und Resignation. Žilniks Protagonisten sind menschliches Treibgut, die sich selbst in Szenen spielen, die so oder ähnlich in ihrem Leben passiert sind, die von sich erzählen, sich austauschen, zu Weggefährten werden, und deren Wege sich wieder trennen werden, angespült an den Mauern der Festung Europa.

          Wenn es so etwas wie ein europäisches Kino gibt, das mehr ist als der Querschnitt aller zwischen Ural und Atlantik gedrehten Filme, dann ist Žilnik einer der wichtigsten Vertreter dieses Kinos. Und wenn es so etwas nicht gibt, weil ein jenseits geografischer Markierungen politisch oder kulturell einiges Europa ohnehin nur in den Wahlkampfreden westeuropäischer Politiker existiert und die Proklamation eines europäischen Kinos Ausdruck eines fatal auf sich selbst abgebildeten Eurozentrismus ist, dann sind Žilniks Filme ein probates Mittel, um sich zugleich den Glauben an das Kino und die Zweifel an Europa zu bewahren: Aufklärungsfilme im besten Sinne und darum vielleicht doch im besten Sinne europäische Filme. Weil sie Europa von seinen Grenzen und nicht von seinen Zentren her denken.

          Als einer der prominentesten Vertreter der in den sechziger Jahren von Propagandisten des Tito-Regimes verunglimpften Black Wave des jugoslawischen Kinos operiert Žilnik seit inzwischen mehr als 40 Jahren am offenen Herz der europäischen Finsternis, das stets an dessen sozialer und nicht selten an dessen geografischer Peripherie schlägt. Seine Filme, dokufiktionale Hybride, oder, wie er selbst es nennt, schlicht und einfach „Dokumentarfilme zu sozialen Themen“, verweigern sich dabei konsequent jeder Vereinnahmung durch imaginäre und identitäre Kulturpolitik, mag deren Rhetorik nun kommunistisch, großserbisch oder kerneuropäisch daherkommen.

          Auf dem Wiesbadener Filmfestival Go East feiert „Destination Serbistan“ nun seine Deutschlandpremiere und wurde sowohl für den Dokumentar- als auch für den Spielfilmpreis nominiert, womit dem Umstand Rechnung getragen wird, dass sich dieser wie viele andere Filme Žilniks gängigen Genrezuordnungen widersetzt. Seine Stärken freilich sind gattungsübergreifend. Fernab aller verkitschten Interkulturelle-Begegnungs-Rhetorik zeigt er das Schicksal Serbiens mit dem der Flüchtlinge verschränkt, erscheinen Gastgeber und Gast, diesseits aller Verbrüderungsversprechen, verschwistert: Serbien hofft auf den Eintritt in die Europäische Union, die Flüchtlinge hoffen auf ein Bleiberecht in Serbien, beide vor allem auf eine Zukunft in Europa. Die Gegenwart aber hält für die Flüchtlinge nur einen Wartesaal voller Absurditäten bereit: Wer Asyl braucht, weil er keine Papiere hat, erhält ohne Papiere kein Asyl. Wörtlich bedeutet „asylum“ Zufluchtsort, Freistätte, aber auch Irrenhaus.

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