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Design aus Darmstadt : Kochtöpfe, Messgeräte und Möbel

Erfolgsmodelle: Die „Profi-Kochtopf-Kollektion“ hat Hans-Werner Mattis in Darmstadt entworfen. Bild: Michael Kretzer

Darmstädter Designer sind offensichtlich omnipotent. Das legt zumindest eine Ausstellung im Institut für Neue Technische Form nahe.

          Ein Fahrrad ist heute für viele Menschen längst nicht mehr nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein „Statement“. Deutet es doch durch sein Design, die Marke und seine Funktionalität auf die Persönlichkeit des Besitzers. Für Designer ist das natürlich ein wunderbarer Trend. Er hat längst auch Industrieprodukte wie etwa Geräte in der Messtechnik erreicht. „Früher hat man uns bei Maschinenbaufirmen ausgelacht, wenn wir mit Designvorschlägen kamen. Das hat sich geändert. Heute ist kein Produkt mehr zu verkaufen, das nicht designt wurde. Gutes Design ist ein wichtiges Verkaufsargument“, sagt Hans-Werner Mattis, der aus Erfahrung spricht.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Seit 1985 ist er als Designer selbständig und kennt daher die Branche und ihre Entwicklung – besonders in Darmstadt. Deshalb hat er auch zusammen mit der Darmstädter Hochschullehrerin Anke Mensing die Ausstellung DA-Design kuratiert, die am heutigen Sonntag im Institut für Neue Technische Form (Intef) eröffnet wird.

          Das Gestaltungspotential Südhessens

          In seinen Räumen auf dem Friedensplatz zeigt der Verein Industrieprodukte, die in oder um Darmstadt herum ersonnen, entwickelt, gestaltet oder produziert wurden. Präsentiert werden Arbeiten von acht Designstudios, von Studenten der Hochschule Darmstadt, einem Schreiner und einem Architekten. Die Bandbreite reicht vom futuristischen Rennrad mit Haltegriff fürs Handy über Möbel bis zu Kochtöpfen. Die Ausstellung versteht sich als Auftakt zu einer Reihe, die nächstes Jahr fortgesetzt werden soll mit dem Ziel, das Gestaltungspotential, über das Südhessen verfügt, einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen zu führen.

          Mattis kann da gut mitreden, denn eine seiner ersten Arbeiten ist zu einem „Longseller“ geworden: die „Profi-Kochtopf-Kollektion“ für Hobbyköche von Fissler. 150.000 Stück werden von dem Kochtopf, der einen integrierten Deckelhalter und einen hitzegeschützten Deckelgriff besitzt, im Jahr verkauft. Da Designer eher selten in die Produktion ihrer Objekte einsteigen, sondern meist nach Auftrag arbeiten, können sie sich einmalig bezahlen lassen oder eine Lizenzbeteiligung vereinbaren. Mattis hat damals als junger Mann den „Spatz in der Hand genommen“. Heute weiß er, dass die Lizenzbeteiligung besser gewesen wäre. „Da kann man sich aber natürlich nie sicher sein.“

          Der funktionale Vorteil

          Mattis-Design hat in der Vergangenheit eine ganze Produktpalette von Messgeräten für Hottinger Baldwin Messtechnik in Darmstadt entworfen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Von Daniels und Erdwins ist ein Nassschrubb-Sauger ausgestellt, von dem Büro Puls Produktdesign die zahnärztliche Behandlungseinheit „Sinius,“ die von Denstply Sirona vertrieben wird. Ob für den Patienten die Wurzelbehandlung angenehmer ausfällt, weil er über einen integrierten Bildschirm dem Arzt auf Wunsch bei der Arbeit zusehen kann, ist vermutlich individuell verschieden. Der funktionale Vorteil von Sinius ist jedoch augenscheinlich: Alle Elemente, vom Liegestuhl über den Instrumentenhalter und das Spülbecken, setzen auf einer Trägerplatte auf, so dass Arzt, Patient und Zahnarzthelferin sich auch auf engstem Raum nicht in die Quere kommen.

          Als einziger Architekt hat Franz Vollhard zu DA-Design einen Tisch beigetragen. „Egon“ ist eine sich selbst tragende und ohne Verschraubung auskommende Holzkonstruktion, die über die Möbelfirma Nils Holger Moormann vertrieben wird. Bis heute wurden so viele Tische verkauft, dass sich daraus eine drei Kilometer lange Tafel gestalten ließe. Von der Schreinerei Luther ist eine Büro-Schreibtisch-Kombination aufgebaut, die aus Modulen besteht.

          Im Intef gibt es weiter einen puristischen Gusseisengrill zu sehen, neue Konzepte für Sicherheitshelme von Hochschulstudenten und eine Rundmesser-Schleifmaschine von Wolfgang Brunner. Für Mattis ist die Schleifmaschine ein Zeugnis für die Bedeutung guten Designs, dass „die Funktionalität verbessert und damit auch das Kostenverhältnis“. Branchenkonkurrenz scheinen die Darmstädter Büros übrigens nicht zu kennen. Über den WMF-Schnellkochtopf von Metz und Kindler sagt der Kurator: „Den hätte ich so vermutlich nicht hinbekommen.“

          Die Vernissage zu DA-Design beginnt am heutigen Sonntag um 12 Uhr im Intef, Friedensplatz 11. Die Ausstellung ist bis zum 30. Juni zu sehen.

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