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Filmfestival Go East : Der weibliche Weitblick

Bei Go East zu sehen: „Tagebuch für meine Lieben“ Bild: Filmfestival Go East

Das 17. Filmfestival Go East fragt nach den Frauen. Nach der Gesellschaft sowieso. Eingeladen sind dazu Filme und Filmemacherinnen, die eine Menge zu sagen haben.

          4 Min.

          Manana zieht aus. Marijana sucht das Abenteuer. Und Milena? Um genau zu sein, niemand bekommt etwas davon mit, wie sie ringt. Jedenfalls nicht in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis. Das Publikum von Mirjana Karanovićs Film „Eine gute Ehefrau“ („Dobre Žena“) schon. Am 1. und 3. Mai wird er beim Filmfestival Go East für den mittel- und osteuropäischen Film zu sehen sein.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Milena ist die „gute Ehefrau“, der wir zusehen, wie sie ihr ohnehin picobello geputztes Heim wienert, ihren Kindern Kuchen hinterherträgt und mit ihrem Mann regelmäßig mäßig guten Sex hat. Sie liebt ihn, mit der gebührenden Vorsicht, nicht an Empfindlichkeiten zu rühren. Bis Milena eines Tages, natürlich beim Putzen, eine Videokassette entdeckt. Und darauf, nur teilweise überspielt von familiärem Grillidyll der späteren Jahre, die Vergangenheit ihres Mannes. In serbischer Uniform liquidiert er mit einer Schar Kameraden unbewaffnete Zivilisten im Bosnien-Krieg. Milena muss sich entscheiden, ob sie die Wahrheit ans Licht bringt.

          Vergewaltigung durch serbische Soldaten

          Mirjana Karanović, 1957 geboren in Belgrad, ist zweifelsohne eine mutige Frau. Als Schauspielerin ist sie hierzulande durch „Esmas Geheimnis“ von Jasmila Žbanić bekannt geworden. Der Film, in dem sie eine bosnische alleinerziehende Mutter spielt, die versucht zu verdrängen, dass ihr geliebtes Kind das Ergebnis einer Vergewaltigung durch serbische Soldaten war, bekam 2006 den Goldenen Bären der Berlinale. Und Karanović in ihrer serbischen Heimat ebenso heftige Kritik wie jetzt für „Eine gute Ehefrau“ – aber auch ebenso viel positive Resonanz auf internationalen Festivals.

          Nun ist Mirjana Karanović als Hauptdarstellerin nicht nur in Bojan Vuletićs Wettbewerbsbeitrag „Requiem für Frau J.“ zu sehen, sondern auch in ihrer ersten eigenen Regiearbeit, die zum 17. Festival des mittel- und osteuropäischen Films Go East eingeladen ist. „Eine gute Ehefrau“ verhandelt, beinahe lakonisch aus weiblicher Perspektive erzählt, eine brisante Frage der aktuellen serbischen Gesellschaft.

          Überhaupt schlägt bei Go East, das vom 26. April bis 2. Mai insgesamt 111 Filme zeigt, die Stunde der Frauen. Es ist unübersehbar, dass das Festival, das im vergangenen Jahr mehr als 12 000 Besucher angezogen hat, deutlich weiblicher geworden ist – ein Trend, der sich fortsetzen dürfte. „Bei Filmfestivals laufen zu wenig Filme von Frauen. Das meine ich durchaus auch selbstkritisch“, sagt Gaby Babić, Festivalleiterin von Go East. „Auch wir hatten Jahre mit extrem niedriger Frauenbeteiligung, weil wir einfach nicht darauf geachtet haben.“ Das liege aber nicht an der Qualität der Filme. Im Gegenteil, Statistiken belegten, dass Festival- und Arthouse-Filme von Frauen genauso erfolgreich, bisweilen sogar erfolgreicher sind als die von Regisseuren.

          600 Einreichungen für Hauptwettbewerb

          Die anhaltende Kritik an der Auswahl großer Festivals wie Cannes, die Jahre mit beinahe ausschließlich männlicher Beteiligung hatten, führt international zu einem verstärkten Bewusstsein für das weibliche Filmschaffen. Und Initiativen ähnlich der von der Frankfurter Regisseurin Annette Ernst mitgegründeten Pro Quote Regie gibt es auch in anderen Ländern.

          Dass viele, vor allem junge Regisseurinnen auf den Markt drängen, hat das Team von Go East nicht nur bei den knapp 600 Einreichungen für den Hauptwettbewerb gemerkt. Auch bei Förderprogrammen wie dem East West Talent Lab oder der Initiative „Oppose othering“, die Filmprojekte für Diversität und Menschenrechte fördert, spielen nicht nur Regisseurinnen, sondern auch feministische Themen plötzlich eine große Rolle. „Als diese Einreichungen kamen, stand das Thema des Symposiums noch gar nicht fest“, sagt Babić: „Das Thema liegt einfach in der Luft. Viele junge Frauen sind politisiert.“ Für sie sind Fragen der Gleichberechtigung ganz und gar kein alter Hut mehr.

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