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Autorin Asli Erdogan : Der tröstliche Blick auf den Main

  • -Aktualisiert am

Hat in der Türkei im Gefängnis gesessen, weil sie über einen Angriff auf eine kurdische Stadt berichtet hatte: Asli Erdogan Bild: dpa

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan musste ihr Heimatland verlassen. Frankfurt gibt ihr Zuflucht, doch ist sie mit der Stadt noch nicht warm geworden.

          Die Ortsangabe von Asli Erdogan ist etwas vage. „In dem netten Café am Schweizer Platz“, sagt sie auf die Frage, wo man sie treffen könne. Später wird sie sagen: „Ich bin hier gerne, weil mich die Atmosphäre an Istanbul erinnert.“ Auch eine Möglichkeit also, das Heimweh zu stillen. Heimweh. Dieses Wort nimmt die Istanbulerin, die seit einem halben Jahr in Frankfurt lebt, selbst kein einziges Mal in den Mund. Dass sie dieses Gefühl verspürt, klingt jedoch immer wieder durch.

          Asli Erdogan berichtet von ihrer Verhaftung im Juli 2016, für die es „keine berechtigten Gründe“ gegeben habe, über die Zeit im Gefängnis, über ihre unerwartete Entlassung. „Sie haben mich festgenommen, weil ich über Cizre geschrieben und die Verantwortlichen angeprangert habe“, erläutert Erdogan. Cizre – das Wort ist zu einem Synonym geworden für den Angriff des türkischen Militärs auf die von Kurden bewohnte Stadt, bei dem im Februar 2016 sehr viele Zivilisten getötet wurden.

          Eine, die kein Blatt vor den Mund nimmt, sei sie schon immer gewesen, sagt die Einundfünfzigjährige von sich selbst. Bei Ungerechtigkeiten, bei Rechtsbrüchen, bei Menschenrechtsverletzungen könne sie nicht schweigen und werde sprechen, wo und wann immer es möglich ist. Und das macht sie an diesem Nachmittag auch in dem Lokal in Sachsenhausen. Ohne es zu wollen, ist Erdogan zu einer Symbolfigur des politischen Widerstands geworden, die immer wieder zu Podiumsdiskussionen eingeladen und von Medien interviewt wird.

          Der rote Mantel

          Als sich Asli Erdogan Ende September in Istanbul ins Flugzeug setzte, da wusste sie nicht, dass diese Auslandsreise sie nach Frankfurt führen würde. Eigentlich wollte sie nur eine Woche weg sein, erst ein paar Tage auf Einladung des französischen Staatspräsidenten in Paris, dann in Osnabrück, um dort den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis entgegenzunehmen. Sie reiste mit kleinem Koffer und nur ein paar Klamotten darin. „Diesen roten Mantel hatte ich an, weil es ja Herbst war“, erzählt sie und zeigt auf ihr Kleidungsstück. In Deutschland wurde ihr von unterschiedlichen Seiten nahegelegt, auf eine Rückkehr vorerst zu verzichten, um sich nicht der Willkür des Staatspräsidenten, der Polizei und der Justiz auszusetzen.

          Also ist Erdogan geblieben und hat das Stipendium angenommen, das Frankfurt im Rahmen des Programms „Städte der Zuflucht“ vergibt. Frankfurt hat sich vor 20 Jahren diesem internationalen Netzwerk namens Icorn angeschlossen, dem mehr als 40 Städte auf der ganzen Welt angehören; in Deutschland zählen noch Hannover und Berlin dazu. In Kooperation mit der Frankfurter Buchmesse unterstützt es Schriftsteller für ein bis zwei Jahre. Das monatliche Stipendium in Höhe von 1000 Euro kommt von der Frankfurter Buchmesse; die Stadt stellt die Wohnung und übernimmt zudem die Krankenversicherung. Der Verein Litprom kümmert sich um die Belange des weltweiten Netzwerks in Frankfurt.

          Zum Konzept von „Städte der Zuflucht“ gehört es nicht nur, „den Autoren und Autorinnen zu ermöglichen, ungehindert und unbedrängt ihrer schriftstellerischen Arbeit nachzugehen, sondern auch, sie in das kulturelle und öffentliche Leben der jeweiligen Stadt zu integrieren“.

          Das hat im Fall von Asli Erdogan bisher noch nicht so recht geklappt. Dafür gibt es mehrere Gründe – der wichtigste ist wohl, dass die Autorin mit Frankfurt fremdelt, es ist ihr noch nicht gelungen, die Stadt zu erkunden und sich auf die Menschen einzulassen.

          Im ersten halben Jahr war sie viel im europäischen Ausland unterwegs, nahm fast jede Einladung zu Lesungen und Podiumsgesprächen an, um in Bewegung zu bleiben und um sich nicht sich selbst mit ihre Situation als Exilantin zu konfrontieren. So mutmaßt Asli Erdogan selbst. Andere Exilierte hätten ihre Gemütslage ähnlich beschrieben. Es scheint die zierliche Frau zu beruhigen, dass sie keine Ausnahme ist, dass es „normal“ ist, wie sie lebt und wie sie sich gerade fühlt.

          Beschauliches Deutschland

          Wie fühlt sie sich denn? „Ich schlafe kaum, bin total müde, finde keine Entspannung“, sagt sie. Nach den vielen Reisen spüre sie, dass sie ausgelaugt sei, durchhänge und darunter leide, nicht schreiben zu können.

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