https://www.faz.net/-gzg-97lla

Dystopischer Soul : Der Soundtrack des nächsten Jahrzehnts

Rebell aus gutem Grund: Franklin James Fisher, Sänger der amerikanischen Band Algiers. Bild: Ly, Martin

Dystopischer Soul: Im Frankfurter Zoom experimentiert die Band Algiers mit den Klängen der Zukunft.

          Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen. Sie wird auch nicht einfach so durch träges Herumsitzen angezettelt. Das dachten sich zumindest der Sänger und Gitarrist Franklin James Fisher, der Bassist Ryan Mahan und der Gitarrist Lee Tesche, als sie im Jahr 2007, obwohl aus Atlanta in Georgia stammend, in London ihre Band Algiers gründeten. Benannt hatten sie sich dabei nicht nach dem Stadtteil von New Orleans, sondern nach der algerischen Hauptstadt Algier. Die Namenswahl geschah dabei sehr bewusst in Anspielung auf die algerische Revolution und den Algerien-Krieg als eine der ersten antikolonialen Auseinandersetzungen der Zeitgeschichte, die anderen revolutionären Erhebungen etwa in Kuba oder Moçambique, aber auch den Black Panthers in den Vereinigten Staaten als Vorbild diente.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der revolutionäre Gestus der Panthers ist wiederum eine der Inspirationsquellen für Algiers, die mit dem Song „Walk Like A Panther“ vom neuen Album „The Underside Of Power“, das nun im Mittelpunkt eines gut besuchten Konzerts im Frankfurter Club Zoom stand, direkt auf diesen Einfluss anspielen. Der nach dem Einstieg des früheren Bloc-Party-Schlagzeugers Matt Tong zum Quartett angewachsenen Band geht es mit solchen Verweisen allerdings nicht um einen oberflächlichen „Radical Chic“, sondern um die Anklage gesellschaftlicher Verhältnisse und Ordnungen, die von Gewalt und Rassismus geprägt sind, denen viele Zeitgenossen in Amerika und Europa aber nur mit politischer Apathie begegnen.

          Rauhe Dramatik in den Songs

          Für ihre wütende Anklage hat die Band aber nicht nur entsprechende Texte verfasst, sondern auch ein musikalisches Äquivalent gefunden. Als dystopischer Soul ist ihre wilde Mischung aus Soul, Gospel, Punk, Indie-Rock, Industrial, No Wave und Afrobeat einmal beschrieben worden, was auch ein passender Hinweis auf Fishers Gesang ist. Er kann gefühlvoll intonieren, wie man es von einem stimmgewaltigen Soul- und Gospelsänger erwartet, doch erscheint eine solche Vortragsweise dem schwarzen Frontmann, der beim Konzert zwischen der Gitarre und den Keyboards hin und her wechselt, nur selten passend. Lieber schreit und wütet er seinen Zorn hinaus und gibt Songs wie „Cry Of The Martyrs“ oder „Blood“ (vom vorzüglichen Debütalbum „Algiers“) eine rauhe, fast brutale Dramatik, die von Tesches scharfen Gitarrensounds noch verstärkt wird.

          Die lassen durchaus noch die Blues-Wurzeln mancher Algiers-Songs erkennen, klingen aber überhaupt nicht danach oder allenfalls in jener skelettierten Variante, wie sie einst die Bad Seeds für Nick Cave oder auch der Gun Club mit Jeffrey Lee Pierce spielten. Noch auffälliger ist allerdings die Vorliebe der Band für andere Experimentalklänge der achtziger Jahre, wenn Ryan Mahan mal nicht einen funky Groove auf dem Bass hinlegt, sondern zum Synthesizer wechselt und sich die Musik zum von den Einstürzenden Neubauten inspirierten Industrial Gospel wandelt, der kein Heilsversprechen mehr transportieren, sondern akustisch verletzen möchte. Die Kakophonie ist hier die Entsprechung einer aus den Fugen geratenen Welt und das Feedback wie ein Schlag ins Gesicht, der einem die Augen öffnen soll.

          Unkonventionelle Auftritte der Band

          Das gefällt nicht allen Zuhörern vor der Bühne. Manche ziehen sich nach hinten zurück, andere gehen, weil die aggressiven Töne selbstverständlich nichts vom Versprechen der Unterhaltsamkeit einlösen, das etliche Melodielinien Fishers durchaus bergen. Nur hat er eben kein Interesse an einem konventionellen Song, der sich mal eben nett weghören lässt.

          Die Band will die Vergangenheit mit der Zukunft verbinden und einen Soundtrack für das nächste Jahrzehnt präsentieren. Der kann angesichts der realen Verhältnisse für eine sich als politisch verstehende Band wie Algiers keinesfalls vertrauensvoll-freundlich klingen. Die Lunte ist gelegt, also soll die Luft brennen. Und in dieser Luft kann man dann alle Hemmnisse fahrenlassen, ist doch die Musik von Algiers in vielen Momenten vor allem auch rhythmisch eine Wucht. Die Ausrede „If there’s not dancing at the revolution, I’m not coming“ wird bei dieser Band nicht funktionieren. Auch deshalb gehört das Quartett zu den aufregendsten Formationen, die derzeit zu hören und zu erleben sind.

          Weitere Themen

          Hohe Nachfrage und große Konkurrenz

          Frankfurter Hotels : Hohe Nachfrage und große Konkurrenz

          Eine neue Studie zeigt eine interessante Entwicklung der Frankfurter Hotelbranche. Von einem attraktiven Ziel für Geschäftsreisende distanziert sich die Stadt weiterhin. Es gibt jedoch auch starke Konkurrenten.

          Topmeldungen

          Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

          Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

          Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

          Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

          Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.
          Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter

          Sorge um Marktdominanz : EU genehmigt Vodafones Milliardendeal

          Mit der Übernahme von Unitymedia dominiert Vodafone künftig das deutsche Kabelnetz. Der Vodafone-Chef spricht von 25 Millionen Haushalten, die bald mit Gigabit-Tempo an das Internet angebunden werden. Die Wettbewerber sind besorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.