https://www.faz.net/-gzg-93016

Jäger Axel Seidemann : Der Schrecken der Nilgänse trägt Türkis

Auf der Pirsch: Jäger Axel Seidemann und seine Gehilfin Ulrike Hamoni und ihre Hunde im Frankfurter Brentanobad Bild: Helmut Fricke

Seit wenigen Monaten darf ein Jäger Nilgänse in einem Frankfurter Freibad abschießen. Die ersten Ergebnisse seiner Strategie glaubt er schon zu erkennen.

          3 Min.

          Axel Seidemann schlüpft beim Betreten des Brentanobads in die türkisfarbene Jacke der Frankfurter Bäderbetriebe. Allein die Farbe, so hofft er, rufe den Gänsen in Erinnerung, dass sie von ihm nichts Gutes zu erwarten hätten. Langfristig sollen sich die Tiere sogar merken, dass alle Träger türkisfarbener Jacken und T-Shirts nur eines im Sinn haben: sie aus dem Freibad zu verscheuchen.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit zwei Jahren tut Seidemann gemeinsam mit seinem Hund Kelly alles, um sich bei den Wildgänsen unbeliebt zu machen. Erfolg hat der von den Bäderbetriebene beauftragte Jäger erst, seit er im September an zwei kurz aufeinander folgenden Tagen zum Gewehr gegriffen und sechs Tiere abgeschossen hat: fünf Nilgänse und eine Kanadagans.

          Aufgeregte Vögel

          Jetzt muss Jagdhund Kelly, ein Deutsch Drahthaar, nicht mehr ungestüm auf die wenigen Gänse zurennen, die sich noch im Brentanobad aufhalten. Jede menschliche Bewegung in dem parkähnlichen Freibadgelände lässt die Vögel aufgeregt davonfliegen. Seidemann ist zufrieden. Nun muss er dafür sorgen, dass den Gänsen die Septemberschüsse in Erinnerung bleiben. Schließlich öffnet das unbeheizte Freibad frühestens im Mai wieder.

          Bademeisterin Sarah Stark freut sich, die Gänse endlich auch einmal in Alarmbereitschaft zu erleben. Bisher seien sie immer stur sitzen geblieben. Selbst Verfolgungsjagden mit hupenden Rasenmähern hätten keine Wirkung gezeigt. Stark sagt, sie habe nichts gegen die bei vielen unbeliebten Nilgänse, die als besonders robust, beinahe dreist gelten. „Es waren nur einfach zu viele.“ Mitunter hätten sich hundert von ihnen zwischen den Badegästen getummelt. Vor allem seien es in diesem Jahr noch mehr Tiere gewesen als im Vorjahr. „Das war einfach extrem.“

          Kackfrech: Nilgans im Frankfurter Brentanobad

          Schwierig war es vor allem, das Bad sauber zu halten. Dabei ist nicht das stark gechlorte Wasser das Problem und auch nicht die gepflasterte Beckenumrandung, die mit Wasser abgespritzt werden kann. Eine Herausforderung ist es gewesen, den Kot vom kurz gemähten Rasen aufzulesen. Es sei sogar eigens Reinigungspersonal eingestellt worden, um die Liegeflächen, auf denen Kleinkinder krabbeln und alle barfuß laufen, vom Kot der Tiere frei zu halten.

          Der „Vergrämungsabschuss“

          Dieser hygienische Missstand hat Bäderbetriebe-Chef Frank Müller und den für die Bäder zuständigen Sportdezernenten Markus Frank (CDU) im Spätsommer veranlasst, zum letzten Mittel zu greifen und die Gänse zum Abschuss freizugeben. Das Gesundheitsamt der Stadt hatte festgestellt, dass sich in dem Kot nicht nur die üblichen Kolibakterien und Fäkalstreptokokken befanden, sondern auch Salmonellen. Und die können nach Einschätzung der Behörde insbesondere Säuglingen und Kleinkindern gefährlich werden. Das Amt riet den Bäderbetrieben, „geeignete Maßnahmen zu ergreifen“, um die Liegewiesen wieder frei von Gänsekot zu bekommen.

          Seidemann fühlt sich durch die Entscheidung des Sportdezernenten bestätigt. Als er im August 2015 gebeten wurde, sich des Gänseproblems im Brentanobad anzunehmen, habe er gleich für den „Vergrämungsabschuss“ geworben. Er sei der Überzeugung, dass nur durch „Jagddruck“ der Plage beizukommen sei. Zumal sich vor allem die Nilgänse „wie verrückt“ vermehrten. Doch die Verantwortlichen in der Stadt wollten die Jagd nicht freigeben, zumal das Schießen mitten in der Stadt normalerweise nicht erlaubt ist. Außerorts gilt vom 1. September bis zum 15. Januar die Jagdsaison für Nilgänse. Seidemann muss sein Gewehr so ansetzen, dass Geschosse, die nicht in den Körpern der Gänse steckenbleiben, möglichst in den Rasen eindringen. An seinen beiden Jagdtagen hat er sich auf einen der Bademeister-Türme gestellt, um auf die Gänse zu schießen. „Beim ersten Schuss ist nichts passiert“, sagt er; die Gänse seien alle sitzen geblieben. Dann hätten sie realisiert, dass ein Tier tot sei. „Beim zweiten Schuss sind schon 60 Gänse gleichzeitig in die Luft aufgestiegen und weggeflogen.“

          Der Rasen zieht die Gänse an

          Seidemann wird nicht müde zu wiederholen, dass es nicht darum gehe, die Vögel auszurotten. „Wir wollen vergrämen.“ Es könne auch gar nicht gelingen, die Nilganspopulation, um die es vor allem gehe, deutlich zu reduzieren oder die Tiere in ganz Frankfurt zu vernichten. Die in der Nähe des Brentanobads lebenden Nilgänse hätten ihre Lektion gelernt, glaubt der Jäger. Sie wüssten, dass der Besuch des Freibads sie das Leben kosten könne. Ziel sei auch nicht, das Brentanobad wildgansfrei zu halten. Seidemann hofft vielmehr, dass die Tiere die Flucht ergreifen, sobald er, seine Jagdgehilfin Heike Hamori oder Brentanobad-Mitarbeiter mit ihren türkisfarbenen Jacken einträfen.

          Mancher Fachmann behaupte, diese Wirkung halte nicht lange an. Doch da bisher kein Mittel gefunden worden sei, die Tiere anders zu vertreiben, setzt Seidemann auf seine Methode. In den nächsten Monaten wird er darauf achten, dass das Brentanobad höchstens noch von einem Dutzend Wildgänsen aufgesucht wird. Ansonsten greift er wieder zur Waffe.

          Das Wasser des Freibades ist nach Meinung des Jägers nicht die größte Attraktion für die Gänse – es sei der kurz gemähte Rasen. Wolle man erreichen, dass die Tiere sich andernorts niederließen als in den Bädern und Parks der Stadt, müsse man Flächen schaffen, die sie anlockten. Eine der Natur überlassene Brache sei in den Augen der Vögel kein Ersatz für das gepflegte Brentanobad.

          Weitere Themen

          Von Weltruf, aber ohne Gagen

          Jazzband in Existenznot : Von Weltruf, aber ohne Gagen

          Die Barrelhouse Jazzband ist Frankfurts und Deutschlands Aushängeschild des traditionellen Jazz. Doch wenn sich ihre prekäre finanzielle Situation unter Corona nicht bald ändert, ist die Existenz der Gruppe massiv gefährdet.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.