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Neugestaltung des Paulsplatzes : Etwas zwischen Bornheim und Bilbao

  • -Aktualisiert am

Geldhaus: Die Alte Börse von der Neuen Kräme aus. Bild: Institut für Stadtgeschichte

Die Stadt Frankfurt, Wissenschaftler und Bürger diskutieren über die Neugestaltung des Paulsplatzes. Nach einem Vorschlag soll die Alte Börse wieder aufgebaut werden und als ein Haus der Demokratie dienen. Doch welche Aufgabe könnte es erfüllen?

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          Sein Traum sei es, am neugestalteten Paulsplatz in der Nachmittagssonne ein Erdbeertörtchen zu verspeisen. Der Historiker Björn Wissenbach kam am Montagabend geradezu ins Schwärmen, als er über die Möglichkeit referierte, die Alte Börse zu rekonstruieren. Er tat das im Rahmen einer Veranstaltung über die Zukunft des Paulsplatzes, zu der das Kuratorium Kulturelles Frankfurt in den Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse eingeladen hatte.

          Wissenbach erinnerte daran, dass Überreste der Alten Börse noch zu sehen gewesen seien, als Rudolf Schwarz 1948 die Paulskirche wiederaufbaute. Im Jahr 1952 seien die Trümmer des von Friedrich August Stüler 1843 entworfenen Gebäudes abgeräumt und die neuentstandene Freifläche fortan als Parkplatz genutzt worden. In den achtziger Jahren habe der damalige Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) einen Wettbewerb für die Bebauung des Paulsplatzes veranstaltet, der jedoch ohne Folgen geblieben sei.

          Im Zuge der Sanierungspläne für die Paulskirche sind wieder Rufe nach einer architektonischen Neugestaltung des angrenzenden Platzes laut geworden. Wissenbach plädierte in seinem Vortrag dafür, zusammen mit der Alten Börse auch die einst südlich angrenzenden Gründerzeithäuser zu rekonstruieren. Damit könnte man der Neuen Kräme und dem Paulsplatz ihre ursprüngliche Struktur zurückgeben. Laut Wissenbach ließe sich das von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) vorgeschlagene „Haus der Demokratie“ in dem über 500 Quadratmeter großen Saal der Alten Börse und den dazugehörigen Räumlichkeiten unterbringen. In den südlich angrenzenden Gebäuden könnten Cafés unterkommen.

          Wo soll das Haus der Demokratie stehen?

          Im Laufe der anschließenden Podiumsdiskussion zeigte sich, dass es noch keine präzisen Vorstellungen für das „Haus der Demokratie“ gibt. Baudezernent Jan Schneider (CDU) schwebt eine Mischung aus Museum und Lernlabor vor. Man brauche einen Ort, an dem man sich über die Geschichte der Paulskirche und des deutschen Parlamentarismus informieren könne, so Schneider. Das Haus der Demokratie solle sich vor allem an Jugendliche richten, beispielsweise wäre ein Jugendparlament denkbar.

          Ob die rekonstruierte Alte Börse ein geeigneter Bau für das „Haus der Demokratie“ werden könnte, wurde bei der Veranstaltung kontrovers diskutiert. Eine Stimme aus dem Publikum bezweifelte, dass ein zweigeschossiger Säulenwald für Ausstellungszwecke geeignet sei. Die Quellenlage sei zudem, so der Denkmalpfleger Stefan Timpe, für eine seriöse Rekonstruktion nicht ausreichend. Auch Baudezernent Schneider bezweifelte, dass die Alte Börse als Behausung für das Haus der Demokratie geeignet sei. Er wollte aber nicht ausschließen, dass beides getrennt voneinander verwirklicht werden könnte.

          Außer dem Paulsplatz stehen auch Teile der Kämmerei sowie die Freifläche zwischen Berliner Straße, Paulskirche und Kämmerei als Standort für das „Haus der Demokratie“ zur Debatte. Diese Vorschläge fanden jedoch auf dem Podium und im Publikum keinen großen Zuspruch.

          Im Säulenwald: Der große Saal der Alten Börse mit den charakteristischen trichterförmigen Kapitellen.

          Die Architektin Marie-Theres Deutsch argumentierte, dass das „Haus der Demokratie“ eine starke symbolische Ausstrahlung habe und deshalb einen zeitgemäßen Bau bekommen müsse. Dieser könne allenfalls das Bauvolumen der Alten Börse einnehmen und damit die gleiche städtebauliche Funktion erfüllen wie eine Rekonstruktion. Ein Neubau hätte, abgesehen von funktionalen Vorzügen, auch den ideellen Vorteil, dem Inhalt gemäß in die Gegenwart und Zukunft zu weisen, so Deutsch.

          Nicht wenige Stimmen aus dem Publikum stimmten ihr in diesem Punkt zu. Zwei Zuhörer wiesen auf die europäische Dimension hin, die ein solches Projekt haben müsse, um sich von der nationalstaatlich ausgerichteten Paulskirchenversammlung von 1848 abzusetzen. Gegen diesen Vorschlag sprachen sich Wolfgang Hübner (BFF) und Mitglieder von Stadtbild Deutschland e.V. aus. Es würde sich hierbei um „verordnete demokratische Architektur“ handeln, die von den Menschen nicht gewollt werde.

          Schneider äußerte am Ende der Veranstaltung die Vermutung, dass am Ende der Debatten um das Haus der Demokratie ein baulicher Kompromiss stehen werde, „etwas zwischen Bornheim und Bilbao“.

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