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: Der Klotz Ticona

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Wenn seinerzeit die Einwohner des abgeschiedenen schottischen Lockerbie eine Absturzrisiko-Analyse verlangt hätten, wären sie wohl ausgelacht worden - bis eine Terrorbombe das Flugzeug über ihren Köpfen bersten ließ.

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          Wenn seinerzeit die Einwohner des abgeschiedenen schottischen Lockerbie eine Absturzrisiko-Analyse verlangt hätten, wären sie wohl ausgelacht worden - bis eine Terrorbombe das Flugzeug über ihren Köpfen bersten ließ. Am Großflughafen Frankfurt hingegen war die Sicherheitsstatistik über Jahrzehnte hinweg gegen alle Wahrscheinlichkeit hervorragend. Risikoberechnungen, wie sie jetzt im Zusammenhang mit der Flughafenerweiterung, insbesondere im Blick auf das Chemiewerk Ticona, angefertigt werden, ersetzen das wirkliche Leben mit all seinen Unvorhersehbarkeiten durch Statistik und Prognose.

          Trotzdem sind sie unerläßlich: für die Unterlagen der Flughafenbetreiberin Fraport zum Ausbauantrag; für das hessische Verkehrsministerium als Genehmigungsbehörde; für die Bewertung eines Genehmigungsbescheids durch die Gerichte. Mit welchem Sicherheitsstandard werden die Flugzeuge bewegt? Wie verlaufen die Gefährdungszonen in Flughafennähe? Wo endet die Zulässigkeit von Risiken? Der Umgang mit solchen Experten-Szenarien läßt nachprüfbar erkennen, welchen Gebrauch die Ausbaubetreiber von Abwägungsgebot und Ermessensspielraum machten. Die Gegner der bei Kelsterbach geplanten Landebahn setzen auf Ticona. Bürgermeister Engisch sagt, er habe schon immer gesagt, Ticona und Landebahn, das gehe nicht zusammen. Fraport beschränkte sich in der Vergangenheit auf die Ankündigung, ein möglicher Konflikt werde ausführlich erst im Planfeststellungsverfahren behandelt, denn dorthinein gehörten einschlägige Vorgaben des Luftverkehrsrechts und internationaler Sicherheitsbestimmungen. Weil der Ausbauantrag nun bevorsteht, läßt sich der Problemklotz Ticona nicht länger beiseiteschieben. Eines Tages wird man wissen, ob seine Dimensionen von Fraport unterschätzt wurden.

          Was bisher über die Rechenmodelle zu Risiken für den Luftverkehr, für die im Chemiewerk Beschäftigten und die nähere Umgebung bekannt ist, klingt wegen unterschiedlicher Methodik widersprüchlich. Aber laut ist bereits das Lamento der üblichen Argwöhner über Geheimniskrämerei und Manipulationsversuche. Ob der neue Minister Riehl dem Landtag schon in der kommenden Woche alle Berechnungen, auch die unfertigen, "auf den Tisch" legen sollte, ist Ansichtssache. Für breiteste Öffentlichkeit sorgen Ministerium und Regierungspräsidium spätestens im Anhörungsmarathon des kommenden Genehmigungsverfahrens. Gegen diese Veranstaltungen werden sich die halböffentlichen Erörterungstermine des Vorspiels ausnehmen wie müde Pflichtübungen. JÖRG KAUFFMANN

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