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Klettertrainer im Gespräch : „Für die Größe des Verbandes klettern wir hinterher“

  • -Aktualisiert am

Spiel der Kräfte: Beim Klettern sind Kondition, Technik, Taktik, Kognition und Emotion wichtig. Bild: Wonge Bergmann

Andreas Vantorre trainiert die Jugend- und Wettkampfgruppe der Sektion Frankfurt des Deutschen Alpenvereins (DAV). Im Interview spricht der Sportwissenschaftler über das Geheimnis seines Erfolgs und die Defizite des DAV.

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          Herr Vantorre, warum ist ein leidenschaftlicher Kletterer wie Sie in Frankfurt zu Hause und nicht in den Bergen?

          Wahrscheinlich habe ich einfach den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst. In den Bergen hat man dazu auch mal sechs, sieben Monate Winter. Und mit Schnee habe ich es nicht so.

          Zum Klettern sind Sie aber trotzdem in den Bergen gekommen.

          Ja, wir haben als Familie immer auf einem Bauernhof in den Bergen Urlaub gemacht. An den Bergen selbst hatte ich erst gar kein Interesse. Aber irgendwann steht man dann eben mal oben, wenn man dem Vieh hinterherlaufen muss. Von da an bin ich oft heimlich losgezogen, da mich meine Eltern zunächst nicht gehen lassen wollten. Irgendwann haben Sie mir aus Sorge einen Kletterkurs geschenkt. Da hatte ich zum ersten Mal ein Seil in der Hand. Zum Sportklettern kam ich erst danach. Dann zum Hallenklettern, später zum Wettkampfklettern.

          Was fasziniert Sie an diesem Sport?

          Es ist Leidenschaft, aber auch mein Beruf. Meine Trainer- und sportmedizinischen Tätigkeiten zusammengenommen, ist eine 70-Stunden-Woche nicht ungewöhnlich. Aber auch wenn ich inzwischen nicht mehr so oft dazu komme, wie ich möchte: Wenn ich klettere, dann ist das das Leben selbst. Wenn es dir gelingt, nur im Hier und Jetzt zu sein, diese Kraft zu spüren und am körperlichen Limit hochzugehen, dann steht der Traum in Fels da.

          Wann wollten Sie das Klettern zu Ihrem Beruf machen?

          Ich war ein Spätzünder. Ich war viele Jahre meines Lebens in der Welt unterwegs, um zu klettern. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es auch noch andere Abenteuer in meinem Kopf gibt. So bin ich in der Sportwissenschaft gelandet und habe promoviert.

          Nebenbei haben Sie auch noch eine ziemlich erfolgreiche Trainerkarriere im Wettkampfklettern gestartet ...

          Ich war 25, als man mich hier in Frankfurt gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, eine Sektionsgruppe des Deutschen Alpenvereins (DAV) im Wettkampfklettern aufzumachen und zu leiten. Ich habe zugesagt. Die Kinder, die wir trainierten, sind ziemlich schnell gut geworden. Irgendwann hatten wir dann das erste Mädchen und den ersten Jungen bei den deutschen Meisterschaften dabei. Wir haben von Beginn an vieles anders gesehen und beurteilt und waren damit sehr erfolgreich.

          Was genau haben Sie anders gesehen?

          Vielleicht liegt es daran, dass wir das Klettern mit den Kindern und Jugendlichen hier leben. Und zwar in allen Höhen und Tiefen. Wir sind eine große Familie, eine Mannschaft. Das ist ein Grund unseres Erfolgs.

          Wie steht es mit Ihrem Anteil daran?

          Ein Trainer im deutschen Klettersport, der gleichzeitig promovierter Sportwissenschaftler ist, das gibt es nicht noch einmal. Es ist eben kein Ehrenamt, sondern ein professioneller Job. Insofern, ja, das ist auch eine bestimmte Qualität.

          Woran erkennen Sie einen guten Wettkampfkletterer?

          Ein Talent ohne weiteres vorhersehen kann niemand. Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Weg nach oben eine Reise über Jahre ist. Viele Sektionen denken zu kurzfristig. Wir bauen unseren Nachwuchs behutsam auf.

          Wie sieht das perfekte Training aus?

          Wenn ich das beantworten könnte, dann hätten wir hier nur Top-Leute. So pauschal lässt sich das nicht sagen. Es gibt kein perfektes Training. Deshalb gibt es bei uns auch keine Trainingspläne. So etwas habe ich noch nie geschrieben.

          Warum?

          Weil es nicht möglich ist. Ich kann im Vorhinein gar nicht wissen, ob ein Training, das ich konzipiere, in zwei Wochen wie erwünscht anschlägt, der Athlet nach drei Wochen noch Lust darauf hat oder nach vier Wochen sein Finger weh tut. Gutes Training ist für mich eher ein Management von Gelegenheiten. Voraussetzung dafür ist, dass sich Trainer und Athlet gut verstehen. Als Trainer muss ich meinen Athleten lesen können und am besten Dinge über ihn wissen, die er selbst nicht weiß.

          Trotzdem gibt es bestimmte Fähigkeiten, die ein erfolgreicher Kletterer beherrschen sollte ...

          Natürlich. Ich spreche immer von den Big Five: Kondition, Technik, Taktik, Kognition und, ganz wichtig, Emotion. Letztere haben viele Leute gar nicht auf dem Schirm. Da gibt es große Defizite.

          Welche sind das?

          Viele Trainer kommen im mentalen Bereich nicht ran an den Athleten. Erfolgreiches Klettern hängt jedoch immer von der Motivation ab, die sehr viel mit der Emotion zu tun hat. Wenn ich Ihnen 20 Größen nenne, die das Klettern ausmachen, darf davon jede einen schlechten Wert haben, nur die Motivation nicht. Ich behaupte, dass die meisten Kletterer in Deutschland – auch im Top-Segment – ihre Leistungen nicht vollständig an die Wand bringen, weil sie in der entscheidenden Phase zum Beispiel mit dem Leistungsdruck nicht zurechtkommen.

          Wie wichtig ist im Wettkampf die richtige Taktik?

          Der Anfänger interessiert sich nur für die Kraft. Der Fortgeschrittene nur für die Technik. Der Meister interessiert sich nur für den Kopf. Und da gehört die Taktik dazu. Als Athlet sollte ich bestimmte Exit- und Eskalationsszenarien im Kopf haben. Wer vor dem Wettkampf keine Taktik festgelegt hat, bekommt spätestens dann ein Problem, wenn es nicht so läuft wie gewünscht.

          Wie viel wissenschaftliche Akribie verträgt das Klettern?

          Wissenschaftliche Akribie gibt das Klettern nicht her, da es gar keine evidenzbasierte Datenlage gibt. Und selbst wenn, glaube ich nicht, dass es funktionieren würde. Es ist eher die Intuition, die entscheidend ist. Und Intuition ist kein Hokuspokus. Es ist die Aufgabe des Trainers, den Athleten in eine bestimmte Richtung zu lenken.

          In Tokio wird Klettern zur olympischen Disziplin. Spüren Sie, dass sich damit etwas in Ihrer Sportart verändert?

          Ehrlich gesagt merke ich überhaupt keine Veränderung.

          Verändert hat sich der Wettkampfmodus. In Tokio werden die Kletter-Medaillen im „Overall“, einer Kombination aus den drei Spezialdisziplinen Bouldern, Lead und Speed, vergeben. Was halten Sie davon?

          Das ist nicht mein Job, das zu bewerten. Ich nehme die Ausgestaltung der Sportart so, wie sie ist. Wirklich zusammen passen die drei Disziplinen aber nicht. Und es liegt nicht an Olympia, dass jetzt „Overall“ geklettert wird. Die Umstellung hat es bereits gegeben, da war von Olympia noch gar nicht die Rede.

          Worin unterscheiden sich die drei Disziplinen überhaupt?

          Beim Lead kommt es viel auf den Fluss von Bewegungen an. Bouldern, Klettern ohne Seil, ist eher definiert als Lösung von Bewegungsproblemen, ist so auch komplexer und akrobatischer. Beim Speed geht es grob gesagt darum, immer die gleiche Route möglichst schnell mit viel Kraft aus den Beinen nach oben zu steigen.

          Wie sehen Sie das deutsche Wettkampfklettern im internationalen Vergleich aufgestellt?

          Für die Größe des Verbandes klettert man ein bisschen hinterher.

          Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Ich will nicht zu viel sagen. Natürlich gibt es Gründe. Sicher liegt es auch am Geld. Aber alles in allem läuft die ganze Sache dann doch eher etwas unprofessionell ab. Jeder macht es ein bisschen so, wie er denkt.

          Nun gilt Klettern vielen als Gegenentwurf zum Leistungssport. Wie lässt sich dieses Image mit dem olympischen Wettkampfcharakter vereinbaren?

          Das verträgt sich eigentlich ausgezeichnet. Nur in bestimmten Köpfen innerhalb des Alpenvereins nicht. Weil die Tradition eine andere ist.

          Die da wäre?

          Berge, Hütten, Ehrenamt, Wegebau. Idealismus. Hüttenromantik mit Gitarre. Freiheit und Abenteuer. Naturschutz. Alles gute Sachen, übrigens.

          Aber?

          Gleichzeitig ist der DAV ein Verein wie der Deutsche Fußball-Bund. Ein Verband im deutschen Sportbund. Und muss Wettkämpfe ausrichten, eine Nationalmannschaft und einen deutschen Meister stellen. Manche Leute, die ein bisschen in der Zeit stehengeblieben sind, haben damit ihre Probleme. Dabei ist es das Normalste der Welt. Auch mit Blick auf die Professionalisierung, was zum Beispiel bezahlte Trainer angeht. Darüber hinaus brauchen wir viel mehr Qualität, wenn es um die Arbeit mit Kindern, mit besonders Schutzbefohlenen, im Leistungssport geht. Es liegt auch in unserer Verantwortung, uns um deren Gesundheit zu kümmern. Auf der Qualitätsstufe, auf der wir hier stehen, geht das nicht ehrenamtlich. Wir trainieren jeden Tag in der Woche. Auf Klettersportebene sind wir das, was Borussia Dortmund oder vielleicht sogar der FC Bayern München im Fußball sind.

          Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit Klettern beschäftigen?

          Meine sportmedizinische Tätigkeit dazugerechnet, gibt es in meinem Leben tatsächlich sehr wenig, was nichts mit dem Klettern zu tun hat. Wenn andere Leute abends ein Buch lesen, schaue ich mir Kernspintomographien an. Ich habe zwar nie das Gefühl, dass ich arbeite, da mir alles großen Spaß macht. Aber mein letztes Buch, das nichts mit Klettern zu tun hatte, habe ich vor 15 Jahren gelesen. Die Zeit dafür hätte ich gern mal wieder.

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