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F.A.Z.-Leser helfen : Der gefallene Held vom Majdan

Vom Leben auf der Straße geprägt: Der 15 Jahre junge Roman im Kinderheim „Our kids“ in Kiew Bild: Helmut Fricke

Familie war für Roman lange Zeit nur ein Wort ohne Bedeutung. Mit zwölf Jahren riss er von zu Hause aus, hauste auf der Straße. Im Kinderheim „Our Kids“ muss er mühsam lernen, Kind zu sein.

          Wenn Roman zur Begrüßung die Hand reicht, dann macht er das auf seine ganz eigene Art. Er sucht den Blick seines Gegenübers, umschließt dessen Hand mit seinen eigenen und drückt beherzt zu. So einen Händedruck vergisst man nicht – so einen wie Roman erst recht nicht. Er sieht anders aus als die anderen Kinder, die in dem privaten Kinderheim „Our Kids“ in Kiew leben. Seine Haut ist dunkler, sein Verhalten erwachsener. Roman stammt aus einer Roma-Familie. Als die Mitarbeiter des Sozialamtes ihn und seine fünf Geschwister in ein staatliches Heim schicken wollten, lief er davon. Ohne Ziel, ohne Geld und ohne Gepäck.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das war im Januar 2014. Roman flüchtete in die Innenstadt Kiews, wollte in den Menschenmassen untertauchen. Er schlug sein Lager auf dem Majdan, dem zentralen Platz in Kiew, auf, wo damals rund um die Uhr protestiert wurde. Die Bewegung, angeführt von Studenten, forderte die Amtsenthebung von Präsident Viktor Janukowitsch, vorzeitige Präsidentenwahlen sowie die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union.

          Teil der Bewegung sein

          Auf dem zentralen Platz mischte sich Roman unter die Studenten, die dort kampierten. Niemand achtete auf den Jungen mit den pechschwarzen Haaren. Roman konnte untertauchen und fiel doch irgendwann auf. Weil er einfach immer da war, nie nach Hause ging, um sich zu duschen, neue Kleidung anzuziehen, sich auszuruhen. Weil er viel zu jung schien, um überhaupt Teil der Bewegung sein zu dürfen. Aber Roman blieb. Tag und Nacht. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl dazuzugehören. Er, der Junge, der selbst nichts hatte, half dabei, die Menschen auf dem Majdan mit Tee und Broten zu versorgen. Er wurde zum Gesicht einer Bewegung, in die er weniger aus Überzeugung, sondern durch Zufall hineingeraten war. Während die Menschen für eine freie, eine europäische Ukraine kämpften, kämpfte Roman schlichtweg ums Überleben.

          „Wir Menschen auf dem Euromajdan hatten jeden Tag Angst, aber ich bin geblieben“, sagt Roman und versucht dabei, gelassen zu klingen. Er schafft es. Kurzzeitig. Mit 15 Jahren darf man sich eben keine Schwäche anmerken lassen. Einer wie Roman erst recht nicht. Schließlich hat er einen Ruf zu verlieren. Hier, in seiner neuen Pflegefamilie im Kinderheim „Our Kids“, für das in diesem Jahr über das Projekt „F.A.Z-Leser helfen“ Spenden gesammelt werden, nennen sie ihn den „Helden vom Majdan“. Mehrere Zeitungen hatten über den damals zwölf Jahre alten Roma-Jungen berichtet, der so unermüdlich auf der Protestwelle mitschwamm und immer dann untertauchte, wenn die Polizei nach ihm suchte, um ihn an das Sozialamt zu übergeben.

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          Erstmals in seinem Leben wurde er während der Zeit der Proteste mit Respekt, nicht mit Verachtung bedacht. Und dann, mit einem lauten Knall, wurde dieses euphorische, dieses berauschende Gefühl einfach ausgelöscht. Roman wachte erst im Krankenhaus wieder auf, sein Bein verbunden, der Arm verletzt, die Oberlippe verkrustet. Romans Geschichte als „Held vom Majdan“ endet im Februar 2014, als dicht neben ihm eine Granate explodierte. Deren Splitter verletzten ihn schwer. Der Held war gefallen. Im Krankenhaus wurde er zuerst versorgt, dann an die Sozialbehörden übergeben. Roman kam in ein staatliches Heim. Zu seiner Mutter konnte er nicht zurückkehren. „Sie hat Probleme“, sagt Roman und knetet dabei seine Hände, blickt ins Leere

          An feste Regeln gewöhnen

          Vor zwei Monaten durfte Roman das staatliche Heim verlassen. Er konnte sich dort einfach nicht einfügen, eckte immer wieder an. Jetzt hat er einen Platz in dem Kinderheim „Our Kids“ bekommen, wohnt mit fünf weiteren Jugendlichen in einer Pflegefamilie. Hier muss er sich an feste Regeln, einen strikten Tagesablauf, Pflichten, aber auch an Rechte gewöhnen. Sechs Familien leben auf dem Gelände, das sich in einem der ärmsten Viertel der Stadt befindet. Jeweils zwei Kinder teilen sich ein Zimmer. Kein Luxus, dafür aber Beständigkeit.

          Roman soll hier so etwas wie Alltag finden. Das Leben in festen Familienstrukturen ist ihm fremd. Früher reichten seine Zukunftspläne bis zur nächsten Mahlzeit. Heute oftmals nicht viel weiter. Er verschließt sich, zieht sich zurück, hat Stimmungsschwankungen. Der Sport, der im Heim zum festen Tagesprogramm gehört, hilft ihm, sich abzulenken, auszutoben, die Emotionen zu kontrollieren. Zwei Psychologinnen arbeiten regelmäßig mit Roman zusammen und versuchen, ihn für die Zukunft zu rüsten, ohne seine Vergangenheit zu verdrängen. Seine Mutter habe er seit Monaten nicht mehr gesehen, sagt Roman. Zu zweien seiner fünf Geschwister habe er den Kontakt verloren. Roman zuckt mit den Schultern: „Es macht mich traurig. Aber so ist das Leben.“ Er spricht diese Worte ganz ohne Betonung, ganz ohne Bedauern in der Stimme. Und dann lächelt er doch. Die Narbe an seiner Oberlippe schimmert dabei weißlich: „Hier bin ich zufrieden. Ich habe eine neue Familie gefunden.“

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für ein Projekt, bei dem Jugendliche durch die Arche Frankfurt-Nordweststadt auf dem Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben unterstützt werden, und zugunsten eines Kinderheims in der Ukraine, das vernachlässigte, wohnungslose und missbrauchte Kinder aufnimmt. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Bei der Frankfurter Volksbank Iban: DE94 5019 0000 0000 1157 11 

          Bei der Frankfurter Sparkasse Iban: DE43 5005 0201 0000 9780 00

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, kann eine Spendenquittung zugeschickt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet unter der Adresse www.faz-leser-helfen.de.

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