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Chefdramaturg Oper Frankfurt : „Die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen, schwindet“

Buchautor, Chefdramaturg, Frankfurts Opern-Intellektueller: Norbert Abels in seiner Wirkungsstätte. Bild: Helmut Fricke

Norbert Abels scheidet als Chefdramaturg der Oper Frankfurt aus. Im Gespräch lobt er einerseits den Chor und das Orchester des Hauses, anderseits beklagt er die geistige Einfalt, die sich in der Kunst ausbreitet.

          Ein Stück gedanklich zu durchdringen, Regisseure zu beraten, Veranstaltungen zum besseren Verständnis eines musikalischen Kunstwerks zu organisieren, Programmhefte zu gestalten, ab und an eine neue Fassung eines Stücks zu schreiben: das gehört zu den Kernaufgaben eines Opern-Dramaturgen. Er ist das intellektuelle Rückgrat eines Musiktheaterhauses. Oder sollte es samt seiner Abteilung sein. Ein Ideengeber, einer, der in der Lage ist, Stoffe historisch einzuordnen und für die Gegenwart aufzubereiten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Norbert Abels verkörpert diesen Typus par excellence. Er schöpft aus einem gewaltigen Wissensfundus und vermag Zusammenhänge herzustellen, die allemal erleuchtend sind. Im Herbst dieses Jahres verlässt er aus Altersgründen die Oper Frankfurt, wo er viele Jahre lang als Chefdramaturg wirkte. Wir treffen uns in einem Café im Nordend, bestellen Eiskaffee, soeben haben die Theaterferien begonnen, die Opernfreunde haben die Festspielzeit vor sich. Bayreuth etwa, wo Abels als Gastdramaturg tätig war, bereitet sich mit Hochdruck auf die Saison vor.

          1985 war Abels an die Frankfurter Oper gekommen, es waren die letzten Jahre der Ära Gielen, der seit 1977 als Generalmusikdirektor in Frankfurt nicht nur die Musikkultur der Stadt nachhaltig prägte. Abels betreute als wissenschaftlicher Mitarbeiter den „Rosenkavalier “, er hielt seinen ersten Vortrag im, wie er sagt, „berüchtigten Holzfoyer“. Und blieb. Intendanten kamen, Intendanten gingen, die Städtischen Bühnen gerieten in mancherlei Turbulenzen, es krachte zwischen Schauspiel und Oper, zwischen den Theatern und der Stadt, wechselnde Führungsmodelle wurden ausprobiert, aber mal fehlte das Geld, mal der Wille zur gedeihlichen Zusammenarbeit.

          Abels erinnert sich, wie er ausgepfiffen wurde

          „Die gängige Denkfigur ist immer, dass Häuser mit den Leitern, den Intendanten identifiziert werden“, sagt Abels. „Wir haben noch ein Denken wie aus der Zeit der Duodezfürstentümer.“ In den seltensten Fällen werde zur Kenntnis genommen, dass eine Gesamtleistung sehr vieler Menschen hinter dem Erfolg eines Opernhauses stehe. Er erwähnt das Beispiel eines Musiktheaterleiters, der wenig Fortune in Frankfurt hatte, unter dessen Ägide aber dennoch erstklassige Produktionen zustande kamen. „Gary Bertini war wirklich kein Opernchef, er hat sich hier nicht heimisch gefühlt, er saß immer auf gepackten Koffern.“

          Abels erinnert sich, wie er ausgepfiffen wurde, als er das erste Mal den Taktstock gehoben hat. „Das war nicht fair. Aber danach gab es Schwierigkeiten mit dem Orchester, für die er selbst verantwortlich war.“ Abels aber stand als Produktionsdramaturg im Auge des Sturms: „Es gab in dieser Zeit viele irre, tolle Produktionen.“ Wie den „Sommernachtstraum“ unter der Regie von Thomas Langhoff oder „Moses und Aaron“, inszeniert von Herbert Wernicke. Wenn er an die Jahre nach dem Opernbrand 1987 denkt, hat Abels durchaus auch gute Erinnerungen. Die Zwangssituation brachte es mit sich, dass in den Stadtteilen gespielt wurde. Oder auch mal in der gerade wiedererrichteten Alten Oper. Das Musiktheater blieb im Gespräch.

          „Wir haben ein unglaubliches Orchester, das möchte ich mal bei einem anderen Opernhaus erleben“, sagt Abels. Ebenso einzigartig sei der Chor der Frankfurter Oper. Er habe als Gast an vielen anderen Häusern und bei Festivals gearbeitet, aber nirgendwo anders ähnliche Erfahrungen gemacht wie an seiner langjährigen Wirkungsstätte am Willy-Brandt-Platz. Bis heute sei das so: „Die Choristen und auch Orchestermitglieder kommen zu mir als Dramaturgen und möchten mehr über ein Stück wissen: Können wir das vertiefen, kannst du uns noch mal was dazu erzählen?“

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