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Tom Liwa in „Das Bett“ : Der Chansonnier aus dem Ruhrgebiet

  • -Aktualisiert am

Tom Liwa: der Sänger der Flowerpornoes auf der Bühne Bild: Picture-Alliance

Als Künstler sei er Hofnarr und Medizinmann, sagt Tom Liwa. Wie er mit der Gitarre auf Heimatsuche geht, ist heute im Frankfurter Das Bett zu hören.

          Wenn Tom Liwa allein auftritt, wird er gerne leise. Sparsame Akkorde, gezupft auf einer klassischen Gitarre, vermitteln warmherzige und intime Atmosphäre. Die Nylonsaiten klingen noch ein bisschen mehr nach Wohnzimmer als die Stahlsaiten einer Westerngitarre, von ihren elektrischen Schwestern gar nicht zu reden. In jedem Fall nutzt Liwa gerne das ganze Griffbrett und zeigt dadurch mehr spielerische Variationen als mancher Folksänger, der sich mit Grundakkorden begnügt. Dazu singt er mit sanfter Stimme, meist lieber etwas beiläufig als mit großspuriger Emphase. Selbst in lakonischen Momenten bewahrt Liwas Tonfall eine gewisse Zärtlichkeit, die sogar melancholische Gedanken vergleichsweise leicht, aber nie leichtfertig erscheinen lässt. Nicht zuletzt wegen seiner poetischen Texte würde man den zeitlosen Barden Tom Liwa vermutlich als Chansonnier bezeichnen, käme er aus Frankreich und nicht aus dem Ruhrgebiet.

          Dass Liwa aber doch von amerikanischem Folk und Independent-Rock geprägt ist, zeigt sich, wenn er beispielsweise zum Banjo greift oder mit seiner Band unterwegs ist. Deren Namen mag heute keiner der Beteiligten mehr so richtig leiden. Trotzdem werden sich die 1985 gegründeten Flowerpornoes auch für das kommende, zehnte Album nicht umbenennen. In ihrer ersten Dekade veröffentlichte die Gruppe sieben Platten, seit 2000 erschienen hingegen vor allem Soloproduktionen Liwas, anfangs auch mal zwei im Jahr. Seit 2009 präsentierte er vergleichsweise selten Neues. Stattdessen arbeitete er mit an einem Projekt für die europäische Kulturhauptstadt Ruhrgebiet 2010 und organisierte 2012 ein Festival im Rahmen der Duisburger Akzente. Im vergangenen Sommer leitete Liwa eine Konzertreihe, in der sich Musiker mit Tagebüchern anderer Künstler beschäftigten. „Es war interessant zu sehen, dass zu einem Konzert von Gisbert zu Knyphausen weniger Zuschauer kommen, wenn er nicht das gewohnte Repertoire präsentiert, sondern sich mit Kurt Cobain auseinandersetzt“, so Liwa.

          Was ihn als Mensch bewegt

          In Duisburg wurde Liwa 1961 geboren, und selbst wenn er zwischenzeitlich viel herumreiste, ist es seit Jahrzehnten sein Zuhause. Der trockene Humor der Region sei sicher ein starker Einfluss, mutmaßt Liwa, noch stärker habe ihn die Haltung Duisburgs gegenüber großen Umbrüchen geprägt. „Während es woanders noch romantische Illusionen gab, etwas aus Schrott zu machen, wurde hier Dreck schon als solcher benannt“, findet der Songschreiber, „gleichzeitig setzte der Wechsel von Industrie zu Begrünung in unserer Region viel früher ein als anderswo.“ Reflexionen über innere und äußere Heimat sind Tom Liwa wichtig. „Die Herausforderung für Künstler besteht doch darin, den selbstgewählten Zustand zu bewahren und sich nicht aus der Reserve locken zu lassen“, erklärt er. Schließlich gehe es in seiner Arbeit als Musiker nicht darum, kluge Antworten zu geben und sich dabei toll zu finden, sondern um Begegnung und Kommunikation.

          „Musiker stecken heutzutage in einer Klemme zwischen Markt und Bildungsauftrag fest“, sagt Liwa, „ursprünglich hatten sie dagegen eher eine Begleiterfunktion, nämlich das, was allen passiert, in Worte und Musik zu fassen.“ Im besten Fall sei die Musik dadurch zum Manifest sozialer Bewegungen geworden. Liwa sieht sich in einer Doppelrolle als „Hofnarr und Medizinmann“, analog zu historischen Troubadouren oder westafrikanischen Griots, die als menschliches Radio durchs Land zogen. Dass er, der sich für Schamanismus und die heilende Wirkung von Musik interessiert, von manchen als Esoteriker bezeichnet wird, stört Liwa nicht. „Man kann das zwischen manchen Zeilen herauslesen, aber ich versuche nicht, Metaebenen zu kreieren. In meinen Texten findet einfach alles statt, was mich als Mensch bewegt, ohne dass ich dabei zu biographisch werde.“

          Unbestimmtes Repertoire

          Für Tom Liwa ist Schreiben kein rationaler Akt. „Es gab auch Zeiten, in denen ich wenig geschrieben habe, aber dann drängt es sich doch wieder in mein Leben. Unvermittelt habe ich sechs Songs zusammen und kann weiterschauen, mit was sie sich zu einem Album vereinen lassen.“ Das nächste Werk der Flowerpornoes soll sich um musikalische Erinnerungen und die Enttäuschung über frühere Vorbilder drehen. Wann und wo es erscheinen wird, ist allerdings noch offen.

          Ebenso unbestimmt ist das Repertoire von Liwas Solo-Auftritten wie jetzt im Frankfurter Das Bett. „Ich schreibe mir keine Songliste, um leichter auf die Stimmung im Publikum reagieren zu können“, sagt der passionierte Geschichtenerzähler, „neben ganz alten werde ich sicher auch neue, bislang unveröffentlichte Stücke singen.“

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