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Depressionen : Psychiater sehen keine Epidemie

Achtsamkeit: Mehr Menschen lassen sich gegen Depressionen behandeln als früher. Bild: AP

Forscher aus Frankfurt und Amsterdam geben in der Frankfurter Bürgeruniversität bei einer Veranstaltung zum Thema Depressionen Entwarnung.

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          Depressionen gibt es immer und überall. Im gut besuchten Arkadensaal des Frankfurter Goethe-Hauses konnte das Publikum aufatmen. „Wir stehen nicht vor einer Epidemie“, sagte die Psychiatrieforscherin Brenda Penninx von der Universitätsklinik Amsterdam, die für die Friedrich-Merz-Stiftungsgastprofessur an der Goethe-Universität weilt. „Die Häufigkeit nimmt allerdings auch nicht ab.“ Aufgabe für die Psychiatrie sei es jetzt, herauszufinden, welche Behandlung für welchen Patienten am besten sei. Andreas Reif von der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Frankfurter Universitätsklinikums, fügte hinzu: „Auch in einer idealen Gesellschaft gibt es Depressionen.“ In allen Ländern sei der Anteil depressiv erkrankter Menschen in etwa gleich. Nur in Afghanistan gebe es deutlich mehr.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Anwendung der personalisierten Medizin in der Psychiatrie war Thema des Podiumsgesprächs der Bürgeruniversität, das vom Vizepräsidenten der Goethe-Universität, Manfred Schubert-Zsilavecz, souverän moderiert wurde. Die Zuhörer diskutierten ebenso eifrig wie fachkundig mit. So wollten sie etwa wissen, warum so viele Studenten heutzutage Psychopharmaka schluckten. Jürgen Deckert, Psychiater an der Uniklinik Würzburg, verwies zwar auf das Multitasking als neuen Stressfaktor, relativierte aber zugleich solch negative Umwelteinflüsse: „Krieg ist schlimmer. Und wir haben die längste Friedensphase in Deutschland.“ Mit Zwanzigjährigen könne man eben nicht so gut über deren Grenzen und Schwächen sprechen wie mit Vierzigjährigen. Die eigenen Grenzen akzeptieren zu lernen habe auch etwas mit Erziehung zu tun.

          „Traurigkeit gehört zum Leben“, hatte Reif in seinem Impulsvortrag klargestellt. „Die Depression dagegen färbt das Denken ein, und die Patienten merken den Unterschied.“ Nicht immer gebe es jedoch einen kausalen Zusammenhang wie ein Trauma, oft liege eine geringe Stresstoleranz zugrunde. „Genetische Faktoren interagieren mit der Umwelt.“ Allerdings sei auch festzustellen: „Arbeit macht Menschen nicht krank, sie hat eher stützende Funktion.“

          Weniger Stigmatisierung als früher

          Fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung seien im Laufe eines Jahres wegen einer Depression klinisch behandlungsbedürftig. Immerhin sei es seit 1983 gelungen, mit einer Kombination aus Psychotherapie und Psychopharmaka die Suizidrate um ein Drittel zu senken. Allerdings reagierten 30 Prozent der Patienten nicht auf Medikamente.

          Penninx verwies auf das sogenannte Depressions-Paradox, das aus Studien hervorgehe. Zwar sei auf epidemiologischer Ebene kein Anstieg von Depressionen zu verzeichnen, wohl aber registrierten die Krankenkassen einen Zuwachs an Behandlungen. Das gehe auf die erhöhte Achtsamkeit der Bevölkerung zurück. Depressionen seien nicht mehr so stigmatisiert wie früher. Deshalb gingen die Menschen eher zum Arzt.

          Dem Hausarzt bleibe die schwierige Diagnose überlassen, die immer nur aus Gesprächen hervorgehen könne, sagte Reif. Aber die Allgemeinmediziner würden auf die psychiatrische Grundversorgung nicht gut vorbereitet. Es gebe noch keine Leitlinien dazu, wann ein Hausarzt einen Patienten an die Psychiatrie überweisen müsse. Da Neurotransmitter im Blut nicht nachweisbar seien, gebe es keine Bluttests. Die Diagnose stütze sich auf klinische Merkmale wie einen gestörten Antrieb und eine depressive Stimmung über einen bestimmten Zeitraum.

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