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Kommentar zu Cohn-Bendit-Rede : Den Diskurs verweigert

  • -Aktualisiert am

Daniel Cohn-Bendit während seiner Festrede im Rahmen der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit, am 3. Oktober 2016 in der Frankfurter Paulskirche Bild: Wonge Bergmann

Daniel Cohn-Bendit hat während seiner Rede in der Paulskirche am Nationalfeiertag viele Zuhörer erreicht - so mancher aber hat den Auftritt boykottiert. Das war aus mindestens drei Gründen falsch.

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          Was haben der Frankfurter CDU-Ehrenvorsitzende Ernst Gerhardt, die künftige Ehrenbürgerin Trude Simonsohn, der Frankfurter FDP-Vorsitzende Thorsten Lieb, der Linken-Landtagsabgeordnete Ulrich Wilken und der AfD-Stadtverordnete Horst Reschke gemeinsam? Sie alle haben am Sonntag in der Paulskirche die Rede von Daniel Cohn-Bendit zum Tag der Deutschen Einheit gehört.

          Das spricht für sie. Natürlich lässt sich gegen den früheren Frankfurter Integrationsdezernenten und ehemaligen Europa-Abgeordneten von den Grünen als Redner zu diesem wichtigen Anlass manches vorbringen: zu links, zu radikal, zu wenig Wiedervereinigungseuphorie und, vor allem, vor langer Zeit zu viele schlimme Sachen zum Thema Pädophilie gesagt und geschrieben. So lauten denn auch die wesentlichen Argumente all derer, die eben nicht den Weg in die Paulskirche fanden.

          Respeklos

          Trotzdem ist ein solcher Boykott aus mehreren Gründen falsch. Zum einen ist es respektlos - wenn schon nicht Cohn-Bendit und dem direkt gewählten Oberbürgermeister Peter Feldmann gegenüber, der als Gastgeber die Einladung ausgesprochen hatte, so doch dem Anlass gegenüber. Die Wiedervereinigung Deutschlands kann gar nicht oft genug am wichtigsten Ort der deutschen Demokratie und der Frankfurter Geschichte gefeiert werden.

          Hinzu kommt, dass sich Cohn-Bendit für seine Äußerungen mehrmals entschuldigt und angegeben hat, die Schilderungen seien erfunden und als Provokation einer damals prüden Mehrheitsgesellschaft gemeint gewesen. Da ist es schon erstaunlich, mit welch erbitterter Unnachgiebigkeit gerade viele Christdemokraten nicht bereit sind, einem Mann zu verzeihen, der bedauert.

          Und schließlich gibt es noch einen dritten Grund, warum ein Boykott der Rede falsch gewesen ist. Wer nicht einmal dazu bereit ist, sich intellektuell mit einem Redner auseinanderzusetzen, den er für noch so ungeeignet halten mag, verweigert sich dem Diskurs. Und das in einer Zeit, in der schon das Reden miteinander in weiten Teilen einer immer stärker zersplitterten Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich erscheint.

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