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Demos nach Mord an Susanna : Und fast jeder weiß, was richtig ist

Teilnehmer der von der AfD organisierten Demonstration in Mainz nach dem Tod von Susanna F. Bild: Reuters

In Mainz wollen am Samstag hunderte Demonstranten von links bis rechts den gewaltsamen Tod von Susanna F. betrauern. Um ehrliche Trauer geht es dabei jedoch nur den Wenigsten.

          Vor dem Haus auf dem Mainzer Lerchenberg, in dem Susanna F. mit ihrer Familie gelebt hat, steht am Samstagmittag ein Mann mit schneeweißem Haar, Gehstock und schwarzer Sonnenbrille. Klaus Harms, 90 Jahre alter Pfarrer im Ruhestand, ist eigentlich gekommen, um für die ermordete Vierzehnjährige ein stilles Gebet zu sprechen. „Stattdessen musste ich jetzt eine politische Diskussion führen“, sagt Harms. Ein Mann sei aus dem Haus gekommen und habe angefangen, mit ihm über die Flüchtlingspolitik zu streiten. „Ich habe ihm gesagt, man darf wegen dieses furchtbaren Falls jetzt nicht wütend auf alle Flüchtlinge sein“, sagt Harms. Hinter ihm liegen Kerzen, Blumen und Kuscheltiere auf dem Boden, selbstgemalte Bilder kleben an der Scheibe. Harms sagt: „Die Kultur des christlichen Abendlandes begann damit, dass Menschen für Fremde gesorgt haben.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Dass der Geistliche diskutieren muss und nicht beten kann, ist beispielhaft für das, was in ganz Deutschland passiert, seit Susanna am Mittwoch tot auf einem Feld in Wiesbaden gefunden wurde und ein Flüchtling verdächtigt wird, das Mädchen vergewaltigt und getötet zu haben: Für Trauer ist kaum Zeit, sie wird überlagert von der Aufregung um die Umstände, unter denen die Vierzehnjährige ums Leben kam. Selbst eine nette, sehr traurige Frau, die kurz nach dem Geistlichen zu dem Haus kommt und Blumen ablegt, sagt: „Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen kann, dass der verdächtige Flüchtling jetzt nach Frankfurt gebracht wird. Im Irak hätte er wohl die Todesstrafe bekommen. Und nichts anderes hat er verdient.“ 

          „Am Anfang war sie ein sehr verschlossenes Kind“

          Die 54 Jahre alte Mutter zweier Kinder kannte Susanna gut. Sie habe früher das Kinderturnen in der örtlichen Schule geleitet, erzählt sie. Susanna sei von ihrem siebten bis zu zehnten Lebensjahr dabei gewesen. „Am Anfang war sie ein sehr verschlossenes Kind, aber dann kam sie richtig aus sich heraus.“ Sie habe älter gewirkt, als sie eigentlich war, sich später immer stark geschminkt und wohl irgendwann zurückgezogen. Vor wenigen Wochen habe sie noch mit der Mutter von Susanna gesprochen, sagt die Frau, die in der Nachbarschaft wohnt. „Es gab wohl Probleme, das Mädchen war seit Februar kaum noch in der Schule.“ Sie ist sich unsicher, wie sie mit ihrer Trauer umgehen soll. „Ich würde gerne mal persönlich mein Beileid bekunden. Aber ich weiß nicht, ob das richtig ist.“

          In der Mainzer Innenstadt sind sich viele Demonstranten wenig später dafür umso sicherer, zu wissen, was richtig ist. Die AfD hat ihre Anhänger für 15 Uhr auf den Platz der Republik geladen, um vor dem Landtag unter der Überschrift „Es reicht! Endlich Konsequenzen!“ eine Mahnwache für Susanna abzuhalten. Auf dem Platz trifft man erst mal wieder den Mann, der eine Stunde vorher noch mit dem Pfarrer auf dem Lerchenberg über Flüchtlingspolitik diskutiert hat. Er sei Mitglied der AfD, sagt er, und er könne den Vorwurf nicht mehr hören, dass man den Mord instrumentalisiere. „Die etablierten Parteien sind doch verlogene Schweine“, sagt er. „Sie nutzen den Fall selbst ständig, um uns anzugreifen.“ Ein Mann, der neben ihm steht, sagt: „Ich bin hier, um ein Zeichen gegen den Massenimport zu setzen.“ Massenimport? „Jeder Importierte, der sich nicht anpasst, ist einer zu viel. Deswegen bin ich hier. Damit habe ich alles auf den Punkt gebracht.“ Susanna erwähnt er nicht. 

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