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Demonstration : „Inklusion ja, aber nicht so“

Aus der Klasse auf die Straße: Tausende Schüler liefen gestern von der Hauptwache zum Eisernen Steg. Bild: Eilmes, Wolfgang

Mehrere tausend Frankfurter Schüler protestieren gegen Kürzungen im Gemeinsamen Unterricht.

          So einfach und klar wird selten gesagt, um was es bei Inklusion geht. „Bei uns lernen alle zusammen, Kinder mit Behinderung und Kinder ohne Behinderung. Damit alle Kinder in die gleiche Schule gehen können, braucht die Schule mehr Lehrer.“ Die Worte stammen von Max, er ist 13 Jahre alt, hat das Down-Syndrom und besucht die sechste Klasse einer Frankfurter Schule. Am Donnerstag lief er zusammen mit mehreren tausend Schülern, Lehrern und Eltern von der Hauptwache zum Mainufer, um der Forderung „Inklusion ist Menschenrecht“ Gehör zu verschaffen.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Angaben des für die Organisation verantwortlichen „Netzwerks Inklusion“ beteiligten sich an der Demonstration mehr als ein Dutzend Schulen, die meten davon Integrierte Gesamtschulen und Grundschulen. Die Veranstalter sprachen von 5000 Teilnehmern, die Polizei von 2500. Die Forderungen richteten sich vornehmlich an die Landesregierung. Diese hatte im Sommer dem Gebot der UN-Behindertenrechtskonvention entsprochen und die Inklusion im Schulgesetz verankert. Somit haben alle hessischen Kinder das Recht, eine Regelschule zu besuchen.

          Ressourcen sollen gleichmäßig verteilt werden

          Gegen die Verordnung, mit der dieser Anspruch verwirklicht werden soll, erhebt sich seit einigen Monaten jedoch lautstarker Protest. So hatte es Anfang Februar einen Aktionstag in Wiesbaden gegeben, für die nächste Woche ist dort abermals eine Demonstration geplant. Die Kritiker kommen vor allem aus den Schulen, die bisher den sogenannten Gemeinsamen Unterricht praktizieren. Dort werden behinderte und nichtbehinderte Schüler bis zum Ende der Mittelstufe zusammen unterrichtet, dafür gibt es in den Klassen zusätzlich einen Förderlehrer, außerdem ist die Gesamtschülerzahl auf 24 begrenzt.

          Im Zuge der Ausweitung der Inklusion auf alle Schulen will das Land diesen Standard senken und die Ressourcen gleichmäßig verteilen. So soll es keine Förderschullehrer mehr geben, die fest in einer Klasse arbeiten. Stattdessen will das Land die sogenannten Beratungs- und Förderzentren stärken, von denen Sonderpädagogen nach Bedarf dorthin geschickt werden, wo behinderte Schüler in den Unterricht gehen (siehe Kasten). Durch die Aufhebung der Klassenobergrenze und das Ende des inklusiven Unterrichts nach der neunten Klasse sollen Kapazitäten frei werden, die dann etwa für die Beratung von Regelschullehrern eingesetzt werden.

          Die Frankfurter Schüler, Lehrer und Eltern kritisierten diese Pläne gestern als „Inklusion light“. Auf ihren meist selbstgebastelten Plakaten hatten sie Sätze wie „Inklusion ja, aber nicht so“, „Wenn sparen, dann an der Klassengröße“ oder „Alle fördern, niemanden ausgrenzen“ geschrieben. Auf der abschließenden Kundgebung am Eisernen Steg sprach der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Jochen Nagel, von einer „Abschreckungspolitik“, die zum Ziel habe, die Inklusion zu verhindern. Das Kultusministerium wolle die Qualität des Gemeinsamen Unterrichts so weit verschlechtern, dass niemand sein Kind dorthin geben wolle. „Das Land versucht, unzureichende Bedingungen zu schaffen, um Inklusion zu diskreditieren.“ Auf diese Weise werde das bisherige getrennte System von Regel- und Förderschulen aufrechterhalten. Das Abziehen der festen Integrationslehrer aus dem Gemeinsamen Unterricht führe zu einem Kompetenzverlust in diesen Schulen. Jugendliche und Lehrer von Integrierten Gesamtschulen zählten die Vorteile auf, die der Gemeinsame Unterricht nach ihrer Ansicht bietet. Von den gemischten Klassen mit zwei Lehrkräften profitierten alle Schüler, auch jene ohne Beeinträchtigungen. Diese Art des Lernens werde nun unter dem Etikett der Inklusion „kaputtgemacht“, sagte eine Schülerin.

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