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Deichkind kommt nach Frankfurt : Alles muss überschwappen

  • -Aktualisiert am

Übergroße rosa Badehaube oder Plastikgehirn? Musiker der Band Deichkind beim Lollapalooza Festival in Berlin Bild: dpa

Deichkind gastiert in der Frankfurter Festhalle. Die Entertainer stapeln deftige Beats und wechseln die Kostüme in rasender Geschwindigkeit - bis zum Bühnenexzess. Denn die Überdosis ist Programm.

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          Seit Ende der neunziger Jahre sind Deichkind im Geschäft. Sie mussten sich gegen dogmatische Hiphopper wehren, sie mussten dem Rap den Techno unterjubeln, sie mussten Bollerbeats und Bierfass-Prollereien mit ihrer Haltung für die Menschenwürde zusammenbringen. Sie haben ihre kolossalen Live-Shows von den kleinsten Do-it-yourself-Bühnen für die größten Venues weiterentwickelt und nebenher in ein Theaterstück gegossen („Deichkind in Müll - Eine Diskurs-Operette“, 2010). Im vorigen Jahr erreichten sie schließlich mit ihrem sechsten Album „Niveau Weshalb Warum“ die Spitze der deutschen Albumcharts, und nun dürfen sie tatsächlich zum ersten Mal in Frankfurt die Festhalle aufmischen.

          Wie Helge Schneider oder jüngst Fraktus haben Deichkind es geschafft, dass ihnen dabei niemand wirklich böse ist. Selbst diejenigen nicht, die sie doof finden. Oder will jemand die perfekt getaktete Live-Party-Truppe als gnadenloses Popindustrie-Unternehmen outen? Kein Problem, die Band hat in ihrem großzügig über Blogs, Social Media und eine Internetseite verteilten Textmaterial die richtigen Worte parat: „Die Entwicklungsteams für Musik und Show arbeiten auf einem solch erdabgehobenen Niveau, welches nur noch als buntes, gleißendes Lichtertreiben, einem genialischen Polarlicht gleich, am ansonsten dunklen Kulturhimmel erscheinen kann.“

          Von allem etwas zuviel

          Das ist einerseits ein amüsantes Spiel mit industriellem Werbejargon, andererseits wird kaum jemand, der in den vergangenen zehn Jahren verschwitzt und befleckt aus einem Deichkind-Konzert gestolpert ist, widersprechen können. „Leider geil“, hecheln die Fans, seitdem eine von Deichkinds Erfolgssingles so hieß. Auch andere Titel haben es in den Sprachalltag geschafft, „Bück Dich Hoch“ oder „Like Mich Am Arsch“ etwa, Refrain-Parolen, die auf oft ebenso wortgewandten Songs thronen. Die Hamburger tun, als wäre Karneval, und haben mit Karneval doch so gar nichts zu tun. Auch wenn gerade Karneval ist.

          Man versuche erst gar nicht, sich mit eigenen Bonmots an die grimmige Lustigkeit der verschworenen, meist verkleideten Entertainer zu schmiegen. Der individuelle Spaß zählt nämlich nichts. Erstens, weil DJ Phono, Porky, Ferris Hilton und ihre Mitstreiter eine Gruppe im besten Sinne sind, ohne Frage lauter Rampensäue, aber ohne jeden Solo-Star. Zweitens, weil sie es darauf anlegen, dass es von allem immer etwas zu viel gibt. Alles muss von allen Seiten überschwappen. Hier wird noch ein deftiger Beat draufgestapelt, dort ein Textschlenker hinterherskandiert, dazu eine weitere Kostümidee auf die Bühne gejagt. Die Überdosis ist Programm.

          Deichkind sind auch politisch

          Ein Merkmal der Deichkind-Truppe ist es aber auch, dass sie grölen, rülpsen und Bier verschütten darf, soviel sie will. Stammtisch-Krakeelen im Sinne konservativer bis national-spießiger Ressentiments gibt es bei ihnen trotzdem nicht, im Gegenteil. Bei allem „Remmidemmi“ (Hit-Titel, 2006), mit dem die Band vordergründig eine Schaumschlägertruppe simuliert, ist Deichkind eben doch im eher linken gesellschaftspolitischen Humanismus geerdet. Die Herren lassen sich dabei nur den Spaß nicht verderben und sind im Zweifel auch besser angezogen als alle anderen. Es sah jedenfalls ziemlich gut aus, als die komplette Deichkind-Live-Crew bei der Echo-Verleihung des vergangenen Jahres die Bühne enterte. Alle trugen weiße Caps und Sportklamotten, auf denen in großen schwarzen Buchstaben „Refugees Welcome“ zu lesen war. Und erst vor ein paar Tagen haben sich die Mitglieder der Band in die Riege der Popmusiker aus Deutschland eingereiht, die in Dresden ein Konzert gegen die Pegida-Anhänger und ihre Slogans gaben. Der Eintritt war frei, Deichkind baten jedoch um Spenden für Flüchtlingsorganisationen und für Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit.

          Der Eintritt zum Konzert in der Festhalle am morgigen Donnerstag ist nicht frei, aber trotz der aufwendigen Bühnenexzesse für Veranstaltungen an diesem Ort vergleichsweise günstig. Deichkind wollen sympathischerweise eben doch nicht von allem zu viel. Beim Spenden kann man ja wieder überdosieren.

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