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Gedenken nach S-Bahn-Unfall : Handlungsdruck per Mausklick

Nur wenige Stunden nach dem tragischen Vorfall erinnert eine Kerze an der Ostendstraße an den toten Jugendlichen. Bild: Vogl, Daniel

Frankfurt will einen Jugendlichen ehren, der bei der Rettung eines Obdachlosen von einem Zug getötet wurde. Doch über den angemessenen Weg ist eine emotional aufgeladene Debatte entbrannt. Ein Kommentar

          Die Stadt Frankfurt will Mustafa Alptug Sözens gedenken. Der junge Mann aus Hanau hat vor zwei Wochen bei dem selbstlosen Versuch, das Leben eines anderen zu retten, sein eigenes verloren. Ihn deshalb zu ehren ist eine Selbstverständlichkeit.

          Es geht nur noch um die Frage, in welcher Form das geschehen soll. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat sich dazu schnell eine Meinung gebildet und sie auch öffentlich kundgetan. Er hat über das Netzwerk Facebook dazu aufgerufen, eine Petition zu unterstützen, wonach die Station Ostendstraße in Alptug-Sözen-Station umbenannt werden soll. Dass viele Nutzer das mit einem „Daumen hoch“ versehen würden, dürfte das Stadtoberhaupt einkalkuliert haben.

          In der ihm eigenen geschmeidigen Art hat sich Feldmann gleichwohl eine Hintertür offen gelassen. Auch eine andere Form des Gedenkens hält er für ausreichend. Damit kommt er jenen entgegen, die etwa eine Plakette befürworten, die an den jungen Mann erinnert.

          Drei emotional aufgeladene Themen

          Es geht in der Diskussion um drei emotional aufgeladene Themen: zum einen um den tragischen Tod eines jungen Mannes, zum Zweiten um die Frage, ob seine Herkunft bei der Würdigung eine Rolle spielen sollte, und zum Dritten, ob die Umbenennung einer Haltestelle angebracht ist. Diese vielschichtige Debatte ist zu komplex, um sich zu ihr im Rahmen einer Online-Petition zu verhalten, zumindest sollte das für einen Oberbürgermeister gelten.

          Unterdessen wächst die Zahl der Unterzeichner, die eine Umbenennung der S-Bahn-Station fordern, von Minute zu Minute. Schon 50.000 waren es gestern Abend. Darunter Internetnutzer aus aller Welt, die bis zu dem Unglück noch nicht einmal wussten, dass es überhaupt eine Station mit dem Namen „Ostendstraße“ in Frankfurt gibt. Viele von ihnen werden in wenigen Wochen wieder vergessen haben, dass sie für deren Umbenennung gestimmt haben.

          Es gibt gute Gründe dafür, dass Stationen im öffentlichen Nahverkehr nach den Straßen und Stadtteilen benannt sind, in denen sie sich befinden. Dieses Prinzip wegen des tragischen Todesfalls Sözen in Frage zu stellen, dazu gibt es keinen Anlass. Eine würdige Form zu finden, seiner zu gedenken, bleibt dagegen Pflicht der Stadt und der Bahn. Eine Gedenktafel ist kein schlechter Vorschlag.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

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