https://www.faz.net/-gzg-9zp45

Biosphärenregion in Rhein-Main : „Entwicklung wird gehemmt“

Richtungsfragen: Im Westen Hessens wird über ein mögliches Biosphärenreservat gestritten, zu dem auch der Hinterlandswald gehören soll. Bild: Marcus Kaufhold

Die Debatte um eine mögliche Biosphärenregion gewinnt an Schärfe. Nicht nur zwischen den Parteien gehen die Meinungen weit auseinander.

          3 Min.

          Ungeachtet der Corona-Krise hält der Streit um die mögliche Ausweisung einer Biosphärenregion im Westen der Rhein-Main-Region an. Die Kreistagsfraktion der CDU hat den Beschluss des Kreisparteitags aufgenommen, mit dem ein solches Projekt für die Kreise Main-Taunus und Rheingau-Taunus sowie die Stadt Wiesbaden rundweg abgelehnt worden war.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Auf seiner nächsten Sitzung am 9. Juni soll der Kreistag nach dem Willen der CDU-Fraktion „eine Biosphärenregion grundsätzlich ablehnen“. Das fordert der Fraktionsvorsitzende André Stolz. Der Kreistag soll zudem den 17 Kommunen des Landkreises empfehlen, einen Antrag zur Aufnahme in das Biosphärenprogramm der Unesco ebenfalls abzulehnen.

          Stolz erwartet, dass sich eine Biosphärenregion „ohne jeden Zweifel“ in vielfältiger, vor allem nachteiliger Art, auf den Kreis auswirken werde. Er ist sich darin mit dem kreispolitischen Sprecher der Fraktion, dem früheren Rüdesheimer Bürgermeister Volker Mosler, einig. Beide fürchten, dass eine zusätzliche Verwaltungsebene eingeführt und die Planungsfreiheit der Kommunen beschränkt wird.

          „Dies birgt ein enormes Risiko für die Kommunen bei der Selbstverwaltung, Planungshoheit und Ansiedlungspolitik“, sagt Mosler. Für Unternehmen könne eine Biosphärenregion eine Einschränkung ihrer Erweiterungschancen bedeuten. Dies gelte auch für die Landwirtschaft. Zudem sieht Mosler die Gefahr einer sich verschärfenden Flächenkonkurrenz: „Das kann zu einem entscheidenden Hemmnis für die Entwicklung unserer Städte und Gemeinden werden.“

          Akzeptanz muss umfassend sein

          Eine Biosphärenregion werde zudem nur dann funktionieren, wenn sie auf umfassende Akzeptanz in der Bevölkerung und in der Wirtschaft treffe. Solange maßgebliche Gruppen wie die Land- und Forstwirtschaft nicht überzeugt seien, könne eine Zustimmung nicht gegeben werden. Die mit einer Biosphärenregion verbundenen Risiken überwögen den Nutzen bei weitem, so die CDU. Die Bürgerstiftung „Unser Land“ reagierte prompt und fordert von der CDU die Rücknahme ihres Antrags. Dieser konterkariere alle Bemühungen um eine sachgerechte Diskussion in den kommunalen Parlamenten. Diese Diskussion sei auf Bitte der hessischen Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) unterbrochen worden, weil in der Corona-Krise eine ausführliche Erörterung nicht möglich sei. Die Entscheidungen sollten daher auf das Frühjahr 2021 und den Zeitraum nach der Kommunalwahl verschoben werden.

          Die Zeit bis dahin solle genutzt werden, um offene Fragen zu einer möglichen Rechtsverordnung des Landes, einer Geschäftsstelle und zur Finanzierung zu beantworten. Die von der Landesregierung schon zugesagte Unterstützung sei „ganz erheblich“, wirbt die Stiftung um Zustimmung.

          Stiftungsvorstand Klaus Werk, einer der Motoren für die Bewerbung bei der Unesco, hält die dem CDU-Antrag zugrundeliegenden Argumente für „völlig einseitig“. Sie würdigten in keiner Weise die Ziele für eine dauerhaft nachhaltige Entwicklungsperspektive. Werks Vorwurf: Die CDU mache sich einseitig die unzutreffende Kritik aus der Landwirtschaft und der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zu eigen.

          Gerade nach der Bewältigung der Corona-Krise werde es darauf ankommen, die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Wiederbelebung mit den Maßgaben der Nachhaltigkeit zu verbinden. Eine Biosphärenregion werde die notwendige Verkehrswende unterstützen und begleiten.

          Die Kommunen sind gefragt

          Doch auch der Verein „Pro Kulturlandschaft Rheingau“, der sich bislang aus Sorge um die Landschaft gegen den Bau von Windrädern engagierte, hält wenig von dem Biosphärenvorhaben. Für seinen Vorsitzenden Gerhard Gänsler haben die drei Bürgerforen in Wiesbaden, Hofheim und Bad Schwalbach deutlich gemacht, dass „die Fragen und Bedenken in der Überzahl“ seien. Bürger der Region sähen darin „ein Muster ohne Wert“. Gänsler hält aber wenig davon, dass sich der Kreistag mit dem Thema beschäftigen soll, weil in erster Linie die Kommunen gefragt seien. Er hat für den Verein ein klar ablehnendes Votum formuliert: „Wir lehnen wie viele Gemeinden und Organisationen das Projekt als überflüssig und restriktiv ab.“

          Die SPD im Rheingau-Taunus hingegen steht der Biosphärenregion positiv gegenüber. Der Unterbezirksvorstand empfiehlt den Kommunen die Zustimmung. Nach Ansicht der Partei hätten Gastronomie, Gastgewerbe, Fremdenverkehr und heimische Erzeuger mit einer Biosphäre eine Marke mit überregionaler, „wenn nicht sogar internationaler Strahlkraft“ zur Seite. Mit ihr könnten finanzielle Hilfen über die bisher gängigen Förderprogramme hinaus in die Region geleitet werden. Eine Biosphärenregion wäre „die verbindende Klammer einer Region, die bisher keinen regelmäßigen und gefestigten Austausch über die gemeinsamen Ziele, Entwicklungen und Vorhaben kennt“.

          Weitere Themen

          „Guck ins Loch“

          Der Wandertipp für Rhein-Main : „Guck ins Loch“

          Kein Bodensee, aber ein kleines Naturidyll ist er, der Möttauer Weiher nahe Weilmünster. Er ist ebenso eine Rarität im Taunus wie der benachbarte, 100 Meter tiefe Diabasbruch.

          Topmeldungen

          Eines der großen Anliegen unserer Zeit: Nach der Demo bleibt das durchweichte Schild.

          Kampf um Meinungsfreiheit : Das große Unbehagen

          Mehr als 150 Intellektuelle protestieren gegen ein erstickendes Meinungsklima und Repressalien gegen Andersdenkende. Dabei werfen sie vor allem dem Journalismus, den Wissenschaften und Künsten Intoleranz und Moralisieren vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.