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Debatte über Reform : Direktoren warnen vor Rückkehr zu G9

Direktoren befürchten, dass sich Zwei-Klassen-Gymnasium entwickeln könnten. Bild: dpa

Kaum ein Gymnasium in der Rhein-Main-Region will offenbar zur neunjährigen Schulzeit zurückkehren. Im Gegenteil warnen viele Schulleiter.

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          Kaum ein Gymnasium in der Rhein-Main-Region will offenbar zur neunjährigen Schulzeit zurückkehren. Im Gegenteil warnen viele Schulleiter vor einer abermaligen Umstellung von G8 auf G9, auch wenn die Entscheidung darüber den einzelnen Schulen überlassen bliebe. „Mit einer teilweisen Rückkehr zu neun Jahren würden wir Gymnasien erster und zweiter Klasse schaffen“, sagt Elisabeth Waldorff. Sie leitet die Martin-Niemöller-Schule, ein Oberstufengymnasium in Wiesbaden, und spricht als Vorsitzende der Landesdirektorenkonferenz für die Leitungen der Gymnasien.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte in den vergangenen Tagen die Debatte über die G8-Reform wieder entfacht, als er den Gymnasien eine Wahlfreiheit zwischen acht- und neunjähriger Schulzeit in Aussicht stellte. Kultusministerin Nicola Beer (FDP) sagte, sie werde diese Möglichkeit bei der Erarbeitung eines „Gesamtkonzepts“ prüfen. Waldorff zeigte sich über den Vorstoß der Landesregierung ebenso erstaunt wie verärgert. Gerade hätten die Gymnasien die „Herkulesaufgabe“ der Umstellung auf acht Jahre abgeschlossen. Lehrpläne seien erarbeitet und Lernmittel angeschafft worden. Die Kollegien hätten pädagogische Konzepte für G8 und den dadurch notwendigen Nachmittagsunterricht entwickelt. Die Schulträger hätten hohe Millionenbeträge in Mensen und andere Einrichtungen für den Ganztagsbetrieb investiert.

          Auch die Schüler hätten sich auf die Anforderungen eingestellt, sagt Waldorff. Durch das höhere Pensum in der Mittelstufe kämen sie besser vorbereitet und belastbarer in die Oberstufe. Verbesserungen seien zwar nötig, sagt die Direktorin, „doch nun, wo wir beim Feinschliff sind, soll alles zurückgedreht werden?“ Eine freiwillige Rückkehr eines Teils der Gymnasien würde nach ihrer Ansicht zu einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ mit G8-Schulen als Elite führen. Dies würde unter anderem den Wechsel der Schule erschweren.

          Warnung vor „neuem Heck-Meck“

          Bouffier hatte die Entscheidung über die Schulzeit für jene Gymnasien vorgeschlagen, die sich zu „Selbständigen Schulen“ entwickeln. Hessenweit sind dies bislang neun, zu ihnen gehört das Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen. Dessen Leiterin Susanne Gebauer äußerte auf Anfrage „absolutes Unverständnis“ über die Landesregierung. „Wir waren an einem Punkt, wo sich alle arrangiert hatten.“ Der Druck auf die Schüler habe nachgelassen, weil die Schulen den Unterricht überarbeitet und neu organisiert hätten. „Ich verstehe nicht, warum gerade zu diesem Zeitpunkt so ein Vorschlag kommt.“

          Auch Rupert Frankerl vom Frankfurter Lessing-Gymnasium warnt vor „neuem Heck-Meck“ in der Bildungspolitik. Die Schulen hätten nun ein paar Jahre Erfahrung mit der verkürzten Schulzeit und es gebe flächendeckend Bücher für G8. Er sehe jedoch auch, dass manche Gymnasiasten mit einer längeren Schulzeit besser zurecht kämen. Langfristig könne man deshalb überlegen, innerhalb der Schulen zwischen G8 und G9 zu differenzieren. Ein ähnliches Modell gab es bereits vor der allgemeinen Schulzeitverkürzung in Gestalt der „Turbo-Klassen“.

          In Nordhessen sinken die Schülerzahlen

          Ob Gymnasien an einer Rückkehr zu G9 interessiert sind, hängt offenbar stark davon ab, in welchem Teil Hessens sie liegen. Dass die Direktoren im Rhein-Main-Gebiet auf Bouffiers Vorschlag mit Unverständnis reagieren, liegt auch daran, dass sich die meisten von ihnen nicht über Schülermangel beklagen können. Die Gymnasien sind trotz der hohen G8-Anforderungen die beliebteste weiterführende Schulform. In Frankfurt sind sie seit Jahren weit über ihre eigentlichen Kapazitäten hinaus ausgelastet.

          Anders im Norden Hessens: Dort sinken die Schülerzahlen aus demographischen Gründen allgemein. Das bekommen auch die Gymnasien zu spüren. Besonders auf dem Land müssen Parallelklassen gestrichen werden, und manches Gymnasium bangt um seine Existenz. Diese Situation kann durch eine Integrierte oder Kooperative Gesamtschule verschärft werden, die in der Nähe liegt und damit wirbt, die Schüler in neun Jahren zum Abitur zu führen. Viele Eltern ließen sich überzeugen, dass dies der einfache, kindgerechte und familienfreundliche Weg sei, sagt ein Schulleiter. Dem Vernehmen nach waren es auch Vertreter von nordhessischen Gymnasien, die in der CDU Druck gemacht haben, die G8-Reform aufzuweichen. Darauf habe der CDU-Vorsitzende und Ministerpräsident Bouffier mit seinem Vorstoß reagiert.

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