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„Dead Wall Tales“ : Albtraum, Komödie, Groteske

Liefert mit „Dead Woll Tales“ das gänzlich Unerwartete: Christian Golusda Bild: Wonge Bergmann

Für welche Lesart immer sich der Regisseur und Darsteller auch entscheiden mag, dieser schlichten, großartigen, vertrackten Erzählung „Bartleby“ ist sie nicht gewachsen. Oder doch: „Dead Wall Tales“ in Frankfurt.

          Natürlich ist es ein gewagtes Unterfangen. Immer wieder und immer wieder neu. Auch wenn es mittlerweile längst schon üblich ist, Prosatexte auf die Bühne zu bringen, und wiewohl auch hier im Frankfurter Titania unlängst erst das Freie Schauspiel Ensemble mit „Ich möchte lieber nicht“ eine dramatisierte Fassung dieser 1853 erschienenen Erzählung erarbeitet hat. Herman Melvilles „Bartleby der Schreiber“ aber ist als Geschichte einer Verweigerung nicht nur gänzlich undramatisch. Sie ist auch seltsam schillernd in ihrer Bedeutung. Generationen von Exegeten haben „Bartleby“ mal als Selbstporträt des einst erfolgreichen, am Ende verarmt und unverstanden gestorbenen Schriftstellers Melville gelesen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Andere sahen darin eine Parabel auf den Kapitalismus, die Geschichte einer Depression oder präparierten die zahlreich in die Erzählung eingeflochtenen christlichen Motive als entscheidend. Und für jede dieser Interpretationen gibt es gute Gründe. Nicht wenige auch haben den aus der Sicht des Anwalts erzählten Rückzug des bald jegliches Ansinnen seines Chefs mit einem lapidaren, aber entschiedenen „I would prefer not to“ abwehrenden Kanzleischreibers psychoanalytisch zu deuten versucht. Und schließlich befand gar Gilles Deleuze in seinem Essay „Bartleby oder die Formel“, der Text sei nichts von alledem.

          Das gänzlich Unerwartete

          „Bartleby“, so Deleuze, „ist keine Metapher des Schriftstellers so wenig wie das Symbol von irgendetwas. Es ist ein ungemein komischer Text, und das Komische ist immer buchstäblich. Wie eine Erzählung von Kleist, von Dostojewskí, von Kafka oder Beckett, mit denen er in heimlicher und zauberhafter Verbindung steht.“ Und auch da ist fraglos etwas dran. Wenn nun Christian Golusda gemeinsam mit dem Komponisten András Hamary „Bartleby“ unter dem Titel „Dead Wall Tales“ als Musiktheater inszeniert, dann kann das eigentlich nur grandios scheitern. Denn für welche Lesart immer sich der Regisseur und Darsteller des Anwalts auch entscheiden mag, dieser schlichten, großartigen, vertrackten Erzählung ist die Lesart gleichsam schon naturgemäß ganz einfach nicht gewachsen.

          Doch das gänzlich Unerwartete, Erstaunliche, Überraschende geschieht, tanzt doch Golusda, tanzen Anwalt und Bartleby (Patrick Erni) über all die Fallen dieses Textes leichtfüßig hinweg. Und die „Dead Wall Tales“ bleiben als Theater, geradeso wie „Bartleby“, in jeder Hinsicht offen, indes alles andere als unentschieden. Das gilt für die Deutung der nach der Uraufführung bei den Würzburger „Tagen der Neuen Musik“ nun als Gastspiel im Frankfurter Titania gezeigten Fassung ebenso wie für die Inszenierung. Der christlichen Ikonographie entlehnte Bilder wie die stilisierte „Pietà“ gleich zu Beginn des Abends sind so wenig zu übersehen wie nachgerade klassisch romantische Motive im animierten Video Hamarys.

          Mal ist man geneigt, „Bartleby“ einen Albtraum, mal eine Groteske zu nennen, mal erscheint der Schreiber als pathologischer Fall, dann wieder gleichsam als Spiegel des Anwalts. Und diese schillernde Mehrdeutigkeit findet ihre Entsprechung in der Form. Golusda also macht es sich nicht einfach mit seiner Inszenierung. Und behandelt Text, Spiel und die ebenso sparsame wie präzise Choreographie, behandelt Musik und Tanz und Film in seiner Inszenierung vollkommen gleichwertig.

          Mehr noch, Hamarys vollständig am Computer entstandenes Video und seine als Suite lesbare Komposition enthalten sich weitgehend des Nahe, allzu Nahe Liegenden und mithin eines vornehmlich illustrierenden Charakters. Vielmehr finden Musik und Tanz und Film und Spiel zu je eigenen, indes durchweg plausiblen Bildern. Keines gleicht dem anderen ganz und gar, nicht eines aber scheint mutwillig zurechtgebogen. Eine Herausforderung also ist das, keine Frage, für die Künstler wie für das Publikum. Heftiger Applaus.

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