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: Davidstern und Lederball:
Ein Buch kritisiert den DFB

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Salopp ausgedrückt, ist im Jüdischen Museum ordentlich gegen den Deutschen Fußball-Bund vom Leder gezogen worden. In dem Buch "Davidstern und Lederball" muß sich der DFB scharfe Angriffe gefallen lassen.

          Salopp ausgedrückt, ist im Jüdischen Museum ordentlich gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) vom Leder gezogen worden. "Der DFB hat sich in meiner Wahrnehmung als Weltmeister im Verdrängen und Verfälscher seiner Vergangenheit hervorgetan", bilanzierte Professor Lorenz Peiffer vom Institut der Sportwissenschaft der Universität Hannover, nachdem er die Neuerscheinung "Davidstern und Lederball" vorgestellt hatte. Das im Verlag "Die Werkstatt" von Dietrich Schulze-Marmeling herausgegebene Buch thematisiert "Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball". Das Engagement deutscher Bürger jüdischen Glaubens in diesem Sport fand vom 30. Januar 1933 an ein Ende, das von den Autoren in Erinnerung gerufen wird.

          "Beispielhaft am Fußball aufgezeigt", so Peiffer, werde deutlich, daß viele Turn- und Vereinsführungen nur auf ein Signal gewartet hätten, "um ihre Mitgliederlisten von Juden zu bereinigen. Es war ein Wettlauf um die Erfüllung der nationalsozialistischen Ideen." Insbesondere der Fußball habe sich an der nationalsozialistischen Revolution beteiligt. Das Buch mache den vorauseilenden Gehorsam, die sportliche Ghettoisierung ebenso deutlich wie die Beteiligung der Vereine und Verbände an der Radikalisierung. Peiffer: "Sie waren nicht Opfer, sondern Täter." Darum wünscht er sich mehr Bekennermut gerade des DFB, der immer noch Materialien und Dokumente der Vergangenheit unter Verschluß halte. Viele Vereinewären damals ohne ihre jüdischen Mäzene gar nicht existent gewesen. Vom FC Bayern München ist die Rede, aber auch von der Eintracht und dem FSV. In "Davidstern und Lederball" werden die heutigen Zeitgenossen auch aufgeklärt, wie der Begriff "Schlappekicker" entstanden ist: Mitte der zwanziger Jahre hieß der Hauptmäzen der Eintracht J. & C.A. Schneider, seinerzeit der größte Schuhhersteller auf dem Kontinent. Besitzer waren die jüdischen Bürger Lothar Adler, Fritz Adler und Walter Neumann. Wichtige Spieler der Eintracht standen auf der Lohnliste von J. & C.A.S, weshalb die Mannschaft als "Schlappekicker" tituliert wurde. "Schlappe" nannte man in Hessen schließlich jene Hausschuhe, die der Geldgeber herstellte.

          So manche damals handelnden Personen wurden von den Autoren aus der Anonymität heraus- und in die Erinnerung zurückgeholt. Darum sei das Buch "wahnsinnig wichtig, auch wichtig für die sportpolitische Hygiene in diesem Land", urteilt Peiffer. Herausgeber Schulze-Marmeling wünschte sich, daß dieses Werk die Sensibilität und das Bewußtsein des DFB für den jüdischen Beitrag in seinen Reihen stärke, am Sitz des DFB in der Otto-Fleck-Schneise eine Gedenktafel angebracht und ein WM-Stadion nach Walter Bensemann benannt werde, eine charismatische Figur aus der Frühphase des Fußballs. Eintracht-Anhänger Ignaz Bubis, in den neunziger Jahren Vorsitzender des Direktoriums des Zentralrates der Juden in Deutschland, diskutierte mit Fanklubs, nachdem er im Stadion Rufe wie "Schiri nach Auschwitz!" vernommen hatte. Und er machte folgende Geschichte von 1992 publik: Als der DFB einen Spieltag dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhaß widmete, erhielt die Jüdische Gemeinde 150 Freikarten zum Spiel der Eintracht gegen den HSV. Bald darauf rief die Sekretärin des damaligen Eintracht-Präsidenten Matthias Ohms bei Bubis an und teilte mit, "seine Landsleute" hätten die Tickets noch nicht abgeholt. Die Antwort von Bubis: "Das kann nicht sein. Ich habe in der Zeitung gelesen, daß 30000 Karten von meinen Landsleuten schon im Vorverkauf erworben wurden." Für Bubis "ein Beispiel, daß für die Mehrheit der Bevölkerung der Jude ein Fremder ist". Hans-Joachim Leyenberg

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