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David Garrett in der Alten Oper : Frohe Botschaft

  • -Aktualisiert am

Der „schönste schnelle Geiger der Welt“: David Garrett mit seiner Stradivari. Bild: Slesiona, Patrick

Der Violinist David Garrett spielte in der ausverkauften Alten Oper in Frankfurt. Vor allem Hits der Geigenliteratur waren zu hören. Bei seinem Auftritt ging es doch zuweilen zirzensisch zu.

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          David Garrett ist auf einer Mission. Er will dem großen Publikum Schönheit und Reichtum klassischer Musik nahebringen. Und nebenbei vielleicht auch noch den Naserümpfern zeigen, dass er über all seinen Crossover-Projekten und dem Posterboy-Gehabe das wahre Geigenspiel nicht verlernt hat. Vor diesem Hintergrund ließe sich das etwas erratische Programm deuten, mit dem der „schönste schnelle Geiger der Welt“ in der ausverkauften Alten Oper in Frankfurt aufwartete.

          Begleitet vom Verbier Festival Chamber Orchestra, einem Verbund von 40 jungen, bei großen Orchestern beschäftigten Musikern aus 21 Nationen unter der Leitung des 27 Jahre alten österreichischen Dirigenten Christoph Koncz, setzte Garrett vor allem auf Hits der Geigenliteratur, auf Eingängiges und auch manches Zirzensische, das sich bestens zur Präsentation einer bemerkenswerten Technik eignet. Denn bei aller Nonkonformität - Garrett duzte sein Publikum, erzählte zwischendurch kleine Anekdoten und erklärte Begriffe wie Belcanto und Virtuosität, als habe er eine Schulklasse vor sich - wollte das einstige Wunderkind, das schon im Alter von 15 Jahren die 24 Caprices von Niccolò Paganini eingespielt hat, doch vor allem sein Können demonstrieren.

          Eine Schau - doch eher für Cirque du Soleil

          Unter dem losen und daher auch nicht konsequent befolgten Motto „Italien“ gab es Giuseppe Tartinis „Teufelstriller-Sonate“, Mozarts „Türkischen Marsch“, Heinrich Wilhelm Ernsts Variation von Franz Schuberts „Erlkönig“ und zum Abschluss Paganinis 24. Caprice a-Moll zu hören - teils höllisch schwere Literatur und damit eine echte Herausforderung für den Teufelsgeiger des 21. Jahrhunderts. Wie Garrett gerade Paganinis Bravourstück voller irrer Akkordsprünge, wilder Läufe und hauchzarter Flageolett-Töne meisterte, war eine Schau - allerdings eher für den Cirque du Soleil. Welche Bedeutung die Musik für Garrett bei seiner Auswahl der Werke jenseits von Eingängigkeit oder spieltechnischer Herausforderung haben könnte, blieb bei seinen Interpretationen unbeantwortet. Emotionale Hingabe war seine Sache jedenfalls nicht, sieht man einmal von jenem Sentiment ab, das manches Arrangement umwehte. Gemeinsam mit Franck van der Heijden hat Garrett die dargebotene Literatur für Violine und Orchester arrangiert und dabei wohl öfter an seinen Ausflug ins Kino als Paganini-Darsteller gedacht. An Filmmusik erinnerte jedenfalls nicht nur eine Passage dieses ersten Programmteils voller Häppchen.

          Der Ton änderte sich mit dem zweiten Teil des Programms. Hierfür hatte sich Garrett mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ zwar gleichfalls Populäres ausgesucht, das auch ein wenig klassikaffines Publikum nicht gleich verschreckt, doch legte er hier Wert auf das Original. Vor jedem Satz durfte Koncz, der vom Pult auf den Stuhl des ersten Geigers gewechselt war, das dazugehörige programmatische Gedicht Vivaldis vortragen, allerdings nicht in charmantem italienischem Singsang, sondern in einer etwas hölzernen deutschen Fassung.

          Spielt ausnahmslos ohne Blatt

          Weniger holprig, sondern mit einigem Furor stürzte sich Garrett, der nun auch als Konzertmeister fungierte, mit dem Orchester auf die Musik. So energisch, dass Garrett beim brausenden Sommersturm die E-Saite seiner Stradivari riss. Das Malheur überbrückte er so geschickt (er nahm der zweiten Geigerin ihr Instrument ab und spielte einfach darauf weiter), dass man für einen Moment an eine geplante Showeinlage glauben mochte. Den Fluss störte die Unterbrechung allerdings nicht, selbst wenn der Austausch der gerissenen Saite ein oder zwei Minuten Pause erforderte. Mit gleicher Konzentration setzten Garrett, der ausnahmslos ohne Blatt spielte, und das Orchester danach den Vivaldi-Zyklus fort. Mit der Konzentration des bis dahin disziplinierten Publikums war es dann leider nicht mehr weit her. Ausgerechnet am Ende des Largo im „Winter“ brandete großer Beifall auf. Kurz vor Torschluss also, aber vielleicht gerade deshalb ein Indiz dafür, welche Begeisterung herrliche Musik unvermittelt auslösen kann. In dieser Hinsicht darf der Missionar David Garrett sich durchaus bestätigt fühlen.

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