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Rumänen in Frankfurt : Das Wasser bis zum Hals

  • -Aktualisiert am

Mitten in Frankfurt: Im Gutleutviertel leben rumänische Männer in Verschlägen... Bild: Wonge Bergmann

Im Gutleutviertel leben rumänische Einwanderer unter schlimmsten Umständen auf einem brachliegenden Gelände. Der Eigentümer will dem bald ein Ende setzen. Sozialarbeiter können ihnen kaum helfen, Polizei und Ordnungsamt schauen fast tatenlos zu.

          Das Mäuerchen aus Sand und Pflastersteinen ist zu niedrig. Und es ist zu kurz, um das Wasser aufzuhalten. Gegen den Regen, der direkt vor den Beton-Verschlag fällt, ist es ohnehin machtlos. Zentimeterhoch steht das Wasser vor den Matratzen. Steine und Bretter dienen als improvisierte Stege über die Lache, in der Müll schwimmt. Trotzdem hat Mircea nicht das Glück, trockenen Fußes zu seinem Schlafplatz zu gelangen.

          Seit zwei Monaten lebt der 56 Jahre alte Rom auf dieser Brache, eingerahmt von Gutleutstraße und Gewerbebauten. Wenn man es denn „leben“ nennen will, was die Männer dort tun. Unter schlimmsten Umständen hausen sie unter der Betonplatte, die von einem Speditionsgebäude übrig geblieben ist und ein rundes Dutzend überdachte Schlafplätze bietet. Was in manchem Slum, Township und mancher Favela der Vergangenheit angehört, ist in Frankfurt zu einer neuen bitteren Realität geworden. Wie viele Roma derzeit mitten in einer der reichsten deutschen Städte derart vor sich hin vegetieren, ist schwer zu sagen. Sechs bis zehn Männer teilten sich die Verschläge, sagt Mircea. Sozialarbeiter der Diakonie haben bei einem Besuch 16 Männer gezählt.

          Brett statt Tür

          Die Plätze haben sich Mircea und die anderen Männer aufgeteilt und notdürftig eingerichtet. Sie haben Matratzen besorgt und Decken. Mit Brettern verschließen sie ihre Unterkünfte, wenn sie schlafen oder in die Stadt ziehen, um zu betteln, Pfand zu sammeln und nach Arbeit zu suchen. In einem der Schlaffächer brennt an diesem Morgen eine Kerze, davor stehen über einem Gaskocher die Essensreste vom Vorabend. Nebenan schnarcht ein Mann vor sich hin.

          ...Töpfe und und Geschirr spülen sie unter freiem Himmel...

          Mircea ist hingegen früh aufgestanden. Er spricht kaum Deutsch, aber es reicht für ein kurzes Gespräch: Nach Frankfurt ist er gekommen, weil er hofft, genug Geld zu verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Er hat einen Sohn, eine Frau und ein Haus in Sibiu, dem früheren Hermannstadt, erzählt der Mann mit dem schlechten Gebiss und dem Dreitagebart. Nun sucht er sein Glück 1500 Kilometer weiter nordwestlich. Zu behaupten, er habe es schon gefunden, würde der Situation nicht gerecht.

          Es kämen zwar oft Leute vorbei, sagt Mircea, aber wirklich helfen tue keiner. Wenigstens ab und zu finde er einen Job auf einer der vielen Baustellen. Da solle noch jemand sagen, die Wirtschaft profitiere nicht von der Einwanderung aus Südosteuropa. Jetzt, da die Nächte wieder kälter werden, sind die Gelegenheitsjobs aber ein schwacher Trost. Der von Kommunalpolitikern gerne und oft wiederholte Satz, in Frankfurt müsse niemand erfrieren, wird auf die Probe gestellt werden, wenn die Temperaturen wieder sinken.

          Die Stadtpolizei weiß seit Juli von den Zuständen. Jemand hatte sich anonym über die lagernden Rumänen beschwert, über ihren Dreck und ihren Lärm. Daraufhin kontrollierten Beamte nach Aussage eines Sprechers des Ordnungsamts das Gelände und informierten den Eigentümer. Die hygienischen Zustände hielten sie für bedenklich. Schließlich komme es im Umfeld solcher Lagerstätten erfahrungsgemäß zu „hygienischen Verunreinigungen“. So kann man es natürlich auch nennen. Danach hätten Streifen „immer mal wieder“ nach dem Rechten gesehen.

          Kein Strom aus der Steckdose

          Sie dürften dasselbe vorgefunden haben, was diejenigen sehen, die dieser Tage durch die Löcher im Tor das vier bis fünf Fußballfelder große Gelände betreten: An vielen Stellen liegt Müll herum. Essensreste gammeln vor sich hin, zerbrochene Flaschen liegen auf dem Betonboden. Es ist deutlich zu sehen und zu riechen, wo die Männer ihre Notdurft verrichten. Auf der Erde liegt Duschgel, als gäbe es fließendes Wasser, in einem kleinen überdachten Lager findet sich ein Zwei-Platten-Elektroherd, als gäbe es Strom aus der Steckdose.

          Dass all die Fahrräder, Schuhe, Pfannen und Elektroartikel, die auf dem Grundstück verstreut sind, auf legalem Weg dorthin gekommen sind, ist unwahrscheinlich. Eingreifen muss das Ordnungsamt aber erst, wenn Seuchengefahr droht, etwa durch Ungeziefer. Die Landespolizei teilt auf Anfrage mit, dass sie keine Erkenntnisse über Straftaten auf dem Areal habe.

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