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Das Verbraucherthema : Windenergie im Kleinformat

Rarität: Kleine Windräder für den Eigenverbrauch sind noch dünn gesät Bild: Fiechter, Fabian

Kleine Windanlagen haben den Vorteil, dass die erzeugte Energie an Ort und Stelle verbraucht werden kann. Die Stromausbeute ist aber oft geringer als erwartet. Das Verbraucherthema.

          Drei Windrädchen, die sich auf der Fensterbank eines Mehrfamilienhauses im Frankfurter Nordend drehen, machen neugierig. Was passiert dort in der Nachbarschaft? Arbeitet hier ein Mieter an der Unabhängigkeit vom Energieversorger? Der Nachbar gibt, aus dem Fenster schauend, selbst die Antwort: Er lade nur seine 6-Volt-Akkus damit auf. Also keine Energiewende auf dem Fensterbrett, sondern nur eine Spielerei.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gleichwohl: Kleinvieh macht auch Mist. „Auch so etwas ist eine tolle Sache. Ich unterstütze solche Kleinstprojekte“, sagt Uwe Hallenga, der im Internet die Seite www.kleinwindanlagen.de betreibt mit einem Forum für Windenergie-Fans. Von denen gibt es nach Angaben des Windenergie-Gutachters aus Osnabrück jede Menge. „Die Nachfrage ist enorm.“

          Unterstützung der Heizungsanlage

          Interessant sind kleine Windmühlen überall dort, wo es keine Stromversorgung gibt, etwa auf Berghütten, im abgelegenen Ferienhaus oder auch im Stall auf dem Feld. Die Einsatzmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Im Wohnhaus sind die Mini-Mühlen dann von Nutzen, wenn die Windenergie etwa zur Unterstützung der Heizungsanlage oder als Strom für Wärmepumpen eingesetzt wird. Dafür brauchen die Anlagen jedoch bestimmte Windgeschwindigkeiten, die nach Angaben des Frankfurter Energieversorgers Mainova in der Rhein-Main-Region nicht konstant, wenn überhaupt vorhanden sind.

          Mainova testet selbst drei Kleinwindanlagen auf dem Dach des Heizkraftwerks West an der Gutleutstraße und erntet nach Angaben einer Sprecherin nur die Hälfte des Stroms, den der Hersteller als Leistung angibt. „Dies ist den geringen Windgeschwindigkeiten sowie den verhältnismäßig wenigen Windtagen in Frankfurt geschuldet“, heißt es. Auch Windexperte Hallenga, der anders als Energieversorgungsunternehmen ein Interesse an möglichst vielen Selbstversorgern hat, warnt vor falschen Erwartungen: „Die meisten haben eine völlig falsche Vorstellungen davon, was so eine Anlage zu leisten vermag.“ Zum Durchbruch ist es bisher in Deutschland ohnehin nicht gekommen. Es gibt nicht einmal Angaben über die Zahl der aufgestellten Kleinrotoren.

          Grenze nicht genau definiert

          Nach Schätzungen der Branche sind bundesweit nur 10.000 Kleinwindanlagen installiert. Es ist auch nicht genau definiert, wo die Grenze zwischen Klein- und Großwindanlage zu ziehen ist. Die einen sehen sie bei einer Leistung der Anlage von 100 Kilowattstunden, für andere ist die Fläche der Rotoren (maximal 200 Quadratmeter) die entscheidende Größe. Dabei handelt es sich laut Hallenga um Anlagen mit einem Rotordurchmesser von zehn bis 126 Meter Durchmesser. Klein ist anders. Dass die Energiewende von unten auf sich warten lässt, hat auch damit zu tun, dass die Gesetzeslage bei den Genehmigungen sehr uneinheitlich ist. Jedes Bundesland hat seine eigenen Bestimmungen.

          In Hessen dürfen seit Ende 2012 Anlagen bis zu einer Höhe von zehn Metern in Gewerbe-, Industrie- und vergleichbaren Gebieten ohne Baugenehmigung errichtet werden, unterliegen aber trotzdem allen Regeln und Pflichten, auch in Bezug auf Natur- und Denkmalschutz. Zehn Meter seien zudem nicht viel, heißt es im Portal www.klein-windkraftanalgen.com. Da die Windausbeute um so größer ist, je höher die Anlage installiert ist, plädiert das Portal dafür, ein Baugenehmigungsverfahren vorzuziehen.

          „Man macht es mehr als Hobby“

          Knapp 30 Jahre hat der Darmstädter Architekt Ot Hoffmann gebraucht, bis die 1-Kilowatt-Kleinwindanlage auf dem Flachdach seines sogenannten Baumhauses am Cityring genehmigt wurde. 18.000 Mark hat die Mini-Mühle seinerzeit gekostet, weiß Sohn Pan Hoffmann. Zum Betrieb des Lichts im Treppenhaus freilich reicht auch die Windausbeute in Südhessen nicht aus. Also wird der Windstrom ins Netz eingespeist, sagt der Sohn. „Man macht es mehr als Hobby.“

          Interessant für den Eigenverbrauch

          Die Wirtschaftlichkeit des Kleinwindprojekts steigt, je weniger überschüssiger Strom ins Netz eingespeist und je mehr selbst verbraucht wird. Denn die eingespeiste Kilowattstunde wird nur mit 9 Cent vergütet, die eingesparte Kilowattstunde schlägt dagegen mit 25 Cent zu Buche. So oder so: Selbstversorger brauchen einen langen Atem. Gute Anlagen kosten 3000 bis 5000 Euro pro Kilowatt Nennleistung, und es dauert Jahre, bis sich die Investition rechnet. Grundsätzlich sind nach Branchenangaben pauschale Angaben zur Leistung einer Anlage und den zu erwartenden Stromerträgen nicht möglich, da es auf die Windgeschwindigkeit am Standort ankommt. Gute Informationen zu Kleinwindanlagen mit viel Service bietet die Internetseite von Patrick Jüttemann: www.kleinwindkraftanlagen.com. Wer sich darüber hinaus mit anderen Windenergie-Fans austauschen möchte, kann dies über die Seite von Uwe Hallenga www.kleinwindanlagen.de tun. Der Bundesverband Kleinwindanlagen informiert unter www.bundesverbandkleinwindanlagen.de. Auf der Seite gibt es auch eine Liste mit Händlern und Herstellern. (hoff.)

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