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Das Verbraucherthema : In guten Händen

Blockaden lösen: Darum geht es bei der Osteopathie. Bild: Fotex

Blockaden mit sanftem Druck lösen - immer mehr Patienten vertrauen sich einem Osteopathen an. Mit Glück beteiligt sich die Krankenkasse an den Kosten. Das Verbraucherthema.

          Der Fahrradunfall lag schon mehrere Monate zurück, doch die Zerrung in der Schulter machte der Kollegin noch immer Probleme. Trotz Physiotherapie konnte sie den Arm nur eingeschränkt heben, und nach einem langen Bürotag tat ihr die Schulter weh. Den Tipp eines Kollegen „Ich kenne einen guten Osteopathen“ ignorierte sie zunächst, vereinbarte dann aber schließlich doch einen Termin. Heute sagt sie: „Das hätte ich besser sofort machen sollen.“ Denn schon nach einer Sitzung ging es der Schulter deutlich besser.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Erfahrung der Kollegin teilen viele Menschen mit Beschwerden. Bei einer Umfrage der Stiftung Warentest vor zwei Jahren zeigten sich gut 80 Prozent von 3500 Befragten, die sich in den zwölf Monaten zuvor von einem Osteopathen hatten behandeln lassen, „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ mit der Therapie. Die meisten hatten wegen derselben Beschwerden - in den meisten Fällen hakte es im Bewegungsapparat - schon einen Arzt oder Therapeuten aufgesucht, allerdings ohne den erhofften Erfolg.

          Osteopathie kann man studieren

          Das Wort Osteopathie kommt aus dem Griechischen und steht für Knochen und Leiden. Die Osteopathie versteht sich als ganzheitliche manuelle Heilmethode. Nach der Lehre, die ihren Ursprung vor 140 Jahren in Amerika hatte - dort sind Osteopathen anders als in Deutschland den Ärzten gleichgestellt -, ist ein Körper immer im Zusammenspiel aller Teile zu sehen. Das sind Muskeln, Knochen, Nerven, Organe, Blut- und Lymphgefäße. Eine wichtige Rolle spielen nach der Lehre die sogenannten Faszien, Bindegewebshüllen, die über weite Strecken im Körper Muskeln und Organe umgeben. Der Osteopath spürt mit seinen Händen den Richtungen und Bewegungen der Faszien nach mit dem Ziel, Blockaden und Verspannungen zu finden und zu lösen. Das wiederum soll den Selbstheilungsprozess des Körpers anstoßen.

          Für Marina Fuhrmann ist Osteopathie „viel mehr“ als nur eine Heilmethode. „Sie ist eine die Schulmedizin sinnvoll ergänzende Form der Medizin“, sagt die Heilpraktikerin und Osteopathin mit eigener Praxis in Wiesbaden. Immer mehr Fachärzte arbeiteten mit Osteopathen zusammen, vor allem in der Kinder- und Kiefernheilkunde, in der Gynäkologie und Rehabilitationsmedizin. Fuhrmann war die erste Professorin für Osteopathie in Deutschland und lehrt an der Hochschule Fresenius in Idstein. Die Hochschule hat zusammen mit dem Verband der Osteopathen Deutschland den ersten Bachelor-Studiengang für Osteopathie eingeführt.

          „Wer heilt, hat recht“

          Fuhrmann verweist auf „zahlreiche Studien“, die die therapeutische Wirksamkeit der Osteopathie belegten, und zwar weit über das Beschwerdebild von Rückenschmerzen hinaus. Von anderer Seite heißt es, dass „einigermaßen zuverlässige“ Aussagen nur bei wenigen Erkrankungsbildern vorlägen. „Wer heilt, hat recht“, kommentiert ein Frankfurter Orthopäde lapidar die Frage nach der Wirksamkeit von Osteopathie.

          So oder so, viel schiefgehen kann bei der manuellen Therapie nicht, immer vorausgesetzt, sie wird fachmännisch ausgeführt. Ein Osteopath kommt ohne Apparate, Spritzen und andere Medikamente aus. Allenfalls kann es laut Fuhrmann als Reaktion auf die Behandlung zu kurzzeitigen Verschlimmerungen in der ersten Zeit kommen. Ansonsten seien keine Nebenwirkungen bekannt.

          Gesetzliche Krankenkassen zahlen zu

          Schon schwieriger ist es für Patienten, sich im Dschungel von Berufsverbänden und Angeboten zurecht zu finden. Rund 10.000 Osteopathen arbeiten in Deutschland. Die Berufsbezeichnung ist jedoch nicht geschützt, auch sind Umfang und Inhalte der Ausbildung nicht einheitlich festgelegt. Fest steht nur: Osteopathen dürfen nur selbständig arbeiten, wenn sie zugleich Arzt oder Heilpraktiker sind. Diese können gleichwohl ein Privatrezept für die Behandlung beim Physiotherapeuten, der Osteopathie anbietet, ausstellen.

          Die manuelle Therapie ist keine Kassenleistung. Aufgrund des guten Zuspruchs beteiligen sich inzwischen aber viele gesetzliche Krankenkassen an den Kosten. Einige haben ihre Extraleistungen allerdings wieder zurückgefahren. Statt 360 Euro erstattet die Techniker Krankenkasse etwa jetzt nur noch 120 Euro für die Sitzung. Informationen dazu und einen Krankenkassen-Check findet man auch auf der Internetseite www.gesetzlichekrankenkassen.de.

          Mindestens vier Jahre Ausbildung

          Ein Sprecher der Unabhängigen Patientenberatung empfiehlt, sich Qualifikation und Ausbildung genauer anzuschauen, auch darauf hin, ob es nur ein Kurs war, in dem einige Techniken erlernt wurden, oder ob eine umfassende, mehrjährige Ausbildung zum Osteopathen absolviert wurde. Mindestens vier Jahre Ausbildung - sie findet meist berufsbegleitend statt - oder ein Bachelor-Studiengang in Osteopathie ist laut Fuhrmann der Qualitätsmaßstab. Ohnehin verlassen sich viele Patienten auf Tipps von Freunden und Bekannten. So wie die Kollegin, die sich schon nach einer einstündigen Sitzung so fit fühlt, dass sie einen Folgetermin vorerst nicht für nötig hält. In der Regel sollte eine deutliche Besserung spätestens nach der vierten Behandlung eintreten, sagt Osteopathin Fuhrmann.

          80 Euro hat die Kollegen für die Sitzung gezahlt. Dass ihre Krankenkasse sich nicht an den Kosten beteiligt, ärgere sie nicht. „Das ist mir meine Gesundheit wert.“

          Osteopathie

          Osteopathen behandeln eine Fülle von Beschwerden, vor allem mit Hilfe ihrer Hände, weshalb man die Osteopathie auch als ganzheitliche manuelle Heilmethode bezeichnet. Sie verzichtet auf Apparate, Spritzen und Medikamente. Die Therapie umfasst das Bewegungssystem, die inneren Organe und das Nervensystem. Nach der Lehre der Osteopathie gelten Symptome oft als Folge von komplexen Veränderungen im Körperinnern, etwa eingeengten Blutgefäßen. Die Therapie stellt den Abbau von Blockaden und Verspannungen in den Mittelpunkt. Dabei spielen die Selbstheilungskräfte des Patienten eine zentrale Rolle. In Deutschland ist die Berufsbezeichnung Osteopath nicht geschützt. Gesetzlich festgelegt ist jedoch, dass nur ein Arzt oder Heilpraktiker selbständig als Osteopath arbeiten darf. Physiotherapeuten dürfen nur auf Anweisung eines Arztes oder Heilpraktikers osteopathische Techniken im Rahmen ihrer Ausbildung anwenden. Hilfreiche Listen mit Therapeuten gibt es laut Stiftung Warentest beim Verband der Osteopathen Deutschland und bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Osteopathie. Aufgrund der guten Heilungserfolge bezuschussen inzwischen auch viele gesetzliche Krankenkassen die Behandlung. Eine Sitzung kostet zwischen 60 und 150 Euro und dauert im Durchschnitt 50 Minuten. (hoff.)

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